Empfehlungsmarketing: aus Mundpropaganda einen steuerbaren Prozess machen

Empfehlungsmarketing wird in den meisten Unternehmen nicht betrieben, sondern erlitten. Empfehlungen kommen vor, aber niemand weiß, wie viele, von wem, aus welchem Anlass und mit welchem Umsatz. Genau das ist der Unterschied zwischen Mundpropaganda und einem Empfehlungssystem: Mundpropaganda passiert, ein System wird ausgelöst, erfasst und ausgewertet.

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Warum

Definition: Was Empfehlungsmarketing ist

Dieser Text beschreibt die Methode aus der Sicht des Betreibers, der sie selbst aufsetzt: Definition, Ablauf, Mechanik, Kennzahlen und der rechtliche Rahmen. Schwerpunkt sind B2B und kleine bis mittlere Unternehmen, weil dort persönliches Vertrauen bei erklärungsbedürftigen Leistungen mehr Gewicht hat als jede Werbeaussage.

Empfehlungsmarketing ist eine Marketingmethode, die auf Neukundengewinnung abzielt. Bestehende Kunden, Mitarbeiter oder Partner sprechen eine Empfehlung aus, und aus dieser Empfehlung entsteht ein neuer Kontakt. Geläufig sind auch die Bezeichnungen Mundpropaganda-Marketing und, aus dem Englischen, Word of Mouth.

Eine Empfehlung tritt dabei in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. Üblich ist die Unterscheidung in persönliche Empfehlungen, nutzergenerierte Inhalte, Produktbewertungen, Trials und Siegel für Kundenzufriedenheit. Im B2B kommen die persönliche Vorstellung per E-Mail, der Hinweis im Branchennetzwerk und die namentliche Referenz im Vergabeprozess hinzu.

Getragen wird die Methode von drei Säulen: den bestehenden Kunden und ihrer Zufriedenheit, den eigenen Mitarbeitern und der Kommunikation samt Netzwerk. Fehlt eine dieser Säulen, hilft kein Programm. Ein Bonus repariert kein schwaches Ergebnis, und ein zufriedener Kunde empfiehlt nicht, wenn ihn nie jemand fragt.

Eine weitere Voraussetzung wird oft übersehen: das Unternehmen braucht ein klares Image. Wer nicht in einem Satz sagen kann, wofür er steht und für wen, gibt dem Empfehlungsgeber nichts an die Hand. Empfehlungen scheitern häufiger an dieser fehlenden Beschreibbarkeit als an mangelnder Bereitschaft.

Zwei Männer arbeiten in einem hellen Büro nebeneinander am Laptop, auf dem Bildschirm Programmcode
Abb. 1 - Zwei Männer arbeiten in einem hellen Büro nebeneinander am Laptop, auf dem Bildschirm Programmcode
Im Detail

Warum Empfehlungen wirtschaftlich wirken

Eine Empfehlung überträgt einen Teil des Vertrauens vom Empfehlungsgeber auf das empfohlene Unternehmen. Der Interessent startet seine Entscheidung nicht bei null: Er kennt jemanden, der die Leistung bereits erlebt hat. Das wirkt authentisch und stützt sowohl Vertrauen als auch Umsatz.

Daraus ergeben sich mehrere messbare Effekte:

  • Die Orientierungsphase verkürzt sich, weil ein Teil der Prüfung schon stattgefunden hat.
  • Empfohlene Interessenten passen häufig besser zum Angebot, weil der Empfehlungsgeber vorsortiert.
  • Der Gesprächseinstieg ist konkreter, weil ein gemeinsamer Bezugspunkt existiert.
  • Der Aufwand je qualifiziertem Kontakt sinkt, sofern der Prozess nicht mehr kostet als er einspart.

Erzwingen lässt sich diese Wirkung nicht. Steuerbar sind nicht die Empfehlungen selbst, sondern ihre Voraussetzungen.

Lächelnder Mann mit dem Hörer eines alten Wählscheibentelefons am Ohr

Die Mechanik: sieben Schritte vom Anlass zur Auswertung

1. Empfehlungsfähige Kundengruppen bestimmen

Nicht jeder Kunde ist zum gleichen Zeitpunkt ein geeigneter Empfehlungsgeber. Am Anfang steht deshalb die Zielgruppendefinition, und zwar in zwei Richtungen: welche Kunden haben einen belegbaren Nutzen erhalten, und welche von ihnen haben Zugang zu weiteren passenden Entscheidern. Im B2B sind das langjährige Mandanten, erfolgreiche Projektkunden, Vertriebspartner oder Verbandsmitglieder. Entscheidend ist die Nähe zur Wunschzielgruppe, nicht die Reichweite.

2. Einen nachweisbaren Kundenerfolg herstellen

Produktqualität und Kundenerfolg sind der Rohstoff des Systems. Der beste Moment für die Empfehlungsfrage liegt unmittelbar nach einem sichtbaren Ergebnis: eine gelungene Einführung, eine erreichte Kennzahl, ein abgeschlossener Auftrag, ein ausdrücklich positives Feedback.

Ein allgemeines “Empfehlen Sie uns weiter” bleibt fast immer folgenlos, weil es dem Kunden die gesamte Denkarbeit überlässt. Wirksamer ist eine Frage mit eingebautem Suchraster: “Kennen Sie ein Unternehmen mit einer ähnlichen Ausgangslage, für das diese Lösung ebenfalls relevant wäre?”

3. Den Empfehlungsanlass festlegen

Der Empfehlungsanlass ist die Regel, die Kundenerfolg und Ansprache verbindet. Er legt fest, wann ein Mitarbeiter oder ein automatisierter Ablauf fragen darf. Geeignete Auslöser sind ein erreichter Projektmeilenstein, eine hohe Zufriedenheitsbewertung, eine Vertragsverlängerung, die wiederholte Nutzung, positives Feedback im Abschlussgespräch oder eine freiwillig abgegebene Bewertung.

Eine reine Zeitregel wie “30 Tage nach Kauf” taugt nur dann, wenn der Kunde bis dahin den versprochenen Nutzen tatsächlich erlebt haben kann. Sonst fragt das System zuverlässig zum falschen Zeitpunkt.

4. Die Weitergabe einfach machen

Jeder zusätzliche Handgriff kostet Empfehlungen. Das Unternehmen liefert deshalb den Weg mit: einen kurzen Vorstellungstext zum Weiterleiten, einen Link, einen Empfehlungscode oder ein Formular, über das der Interessent selbst Kontakt aufnimmt. Eine gepflegte Online-Präsenz gehört dazu, denn der Empfohlene prüft den Anbieter, bevor er antwortet.

Im B2B ist die persönliche Vorstellung deutlich hochwertiger als die Übergabe fremder Kontaktdaten. Der Empfehlungsgeber holt die Zustimmung seines Kontakts ein und bringt dann beide Seiten zusammen. Das senkt das rechtliche Risiko und erzeugt einen natürlicheren Einstieg.

5. Herkunft lückenlos erfassen

Jede Anfrage braucht eine Quelle. Bei kleineren Unternehmen genügt zunächst ein Pflichtfeld im CRM mit sieben Angaben: wer hat empfohlen, wann kam die Empfehlung an, zu welchem Segment gehört der Kontakt, welche Leistung ist relevant, wurde eine Belohnung zugesagt, welchen Status hat die Anfrage, welcher Umsatz ist entstanden.

Ohne diese Erfassung bleibt Empfehlungsmarketing eine Vermutung. Mit ihr wird es ein auswertbarer Akquisitionskanal.

6. Die Empfehlung angemessen würdigen

Belohnungsprogramme sind ein Baustein, keine Pflicht. Bekannte Beispiele arbeiten fast immer beidseitig: Dropbox vergab zusätzlichen Speicherplatz an Empfehlungsgeber und Geworbenen, Airbnb Gutscheine für beide Seiten, HelloFresh Rabattcodes für Kochboxen, und der ADAC nutzt seit Jahrzehnten das Prinzip Mitglieder werben Mitglieder.

Diese Modelle stammen aus dem Massengeschäft mit niedrigem Einzelwert. Bei beratungsintensiven B2B-Leistungen wirken persönliche Anerkennung, eine Zusatzleistung oder eine Einladung oft passender als Bargeld, weil eine Geldprämie die Empfehlung in ein Geschäft verwandelt und ihre Glaubwürdigkeit beschädigt.

Eine belastbare Belohnungslogik beantwortet vier Fragen: Welche Handlung wird belohnt, der Hinweis oder der Abschluss? Wann entsteht der Anspruch? Wer erhält was? Wie werden Mehrfachzuordnung und Missbrauch verhindert? In regulierten Branchen kommen branchenspezifische Vorgaben hinzu.

7. Auswerten und einzeln nachjustieren

Nach einer ausreichend langen Laufzeit zeigt sich, welche Auslöser, Segmente und Anreize tragen. Änderungen gehören einzeln vorgenommen. Wer Zeitpunkt, Formulierung und Prämie gleichzeitig ändert, weiß hinterher nicht, was gewirkt hat.

Nahaufnahme einer Laptop-Tastatur, darüber blau eingefärbter HTML-Quelltext

Die vier Kennzahlen, die genügen

KennzahlBerechnungAussage
EmpfehlungsrateKunden mit mindestens einer Empfehlung geteilt durch angesprochene KundenTrägt die Ansprache?
EmpfehlungsvolumenAnzahl der Empfehlungen im ZeitraumWie viel Aktivität erzeugt das System?
AbschlussrateGewonnene Kunden geteilt durch qualifizierte EmpfehlungenWie gut ist die Qualität der Empfehlungen?
UmsatzbeitragUmsatz aus empfohlenen Kunden im ZeitraumWas bringt der Prozess wirtschaftlich?

Zwei abgeleitete Größen machen daraus eine Entscheidungsgrundlage:

Umsatz je Empfehlung = Empfehlungsumsatz geteilt durch Anzahl der Empfehlungen

Deckungsbeitrag des Systems = Empfehlungsumsatz abzüglich Leistungskosten, Belohnungen und Prozesskosten

Alles steht und fällt mit einer sauberen Definition der qualifizierten Empfehlung. Ein Name ohne Zustimmung und ohne erkennbaren Bedarf ist keine. Wer ihn mitzählt, steigert die Zahl im Bericht und nicht den Ertrag.

Smartphone auf dunklem Untergrund, auf dem Display eine Google-Trefferliste zur Suche „Online Marketing Experte“

Ein B2B-Ablauf in der Praxis

Ein IT-Dienstleister führt nach jedem Einführungsprojekt ein Erfolgsgespräch. Fällt die Bewertung positiv aus, fragt der Berater nach einem Unternehmen mit vergleichbarer Ausgangslage. Der Kunde erhält dafür einen fertigen Vorstellungstext.

Der empfohlene Kontakt wird erst dann im CRM angelegt, wenn er zustimmt oder selbst antwortet. Die Herkunft wird dem Empfehlungsgeber zugeordnet. Kommt ein Auftrag zustande, erhält dieser eine vorab festgelegte Zusatzleistung. Quartalsweise prüft das Unternehmen Empfehlungsrate, Abschlussrate, Umsatz und Aufwand und konzentriert die Ansprache auf die Segmente, die tatsächlich liefern. Aus einer gelegentlichen Bitte ist ein Prozess geworden.

Aufgeklappter Laptop auf dunklem Untergrund, auf dem Bildschirm eine Google-Trefferliste zur Suche „Online Marketing Experte“

Abgrenzung zum Affiliate-Marketing

Beide Modelle vergüten Vermittlung, unterscheiden sich aber in der Grundlage. Beim Empfehlungsmarketing empfiehlt jemand aus eigener Erfahrung und aus einer bestehenden Beziehung heraus. Beim Affiliate-Marketing vermitteln registrierte Partner Reichweite oder Transaktionen gegen eine vereinbarte Provision, mit eigenem Tracking, Publisher-Strukturen und standardisierten Vergütungsmodellen. Ein Empfehlungsprogramm wird also nicht dadurch zum Affiliate-Programm, dass es mit einem Code oder einer Prämie arbeitet.

Frau vor einer Wand mit bunten Haftnotizen, davor sechs Personen mit Laptops an einem Besprechungstisch

UWG und DSGVO: der rechtliche Rahmen

Empfehlungsmarketing ist nicht deshalb zulässig, weil der erste Impuls vom Kunden kommt. Kritisch ist vor allem die ungefragte Übermittlung fremder Kontaktdaten.

Sobald Name, geschäftliche E-Mail-Adresse oder Telefonnummer einer natürlichen Person verarbeitet werden, greift die DSGVO. Nötig sind eine tragfähige Rechtsgrundlage nach Artikel 6 DSGVO, erfüllte Informationspflichten, Datensparsamkeit und festgelegte Löschfristen. Eine Einwilligung muss freiwillig, informiert und nachweisbar sein. Ein berechtigtes Interesse kann je nach Gestaltung tragen, verlangt aber eine dokumentierte Abwägung und ersetzt die werberechtlichen Anforderungen nicht.

Für werbliche E-Mails ist grundsätzlich die vorherige ausdrückliche Einwilligung des Empfängers erforderlich. Die Bestandskundenausnahme des § 7 UWG greift nur unter engen Voraussetzungen und lässt sich auf einen frisch empfohlenen Kontakt regelmäßig nicht übertragen. Auch im B2B ist elektronische Werbung nicht pauschal erlaubt.

Robust ist deshalb der einwilligungsbasierte Ablauf: Der Kunde fragt seinen Kontakt, ob eine Vorstellung erwünscht ist, oder er leitet Informationen weiter und der Interessent meldet sich selbst. Einwilligungen und Widersprüche gehören dokumentiert. Bei automatisierten Einladungen, Geldprämien und in regulierten Bereichen wie Gesundheit oder Finanzprodukten sollte die konkrete Gestaltung vor dem Start rechtlich geprüft werden.

Zwei Männer arbeiten in einem hellen Büro nebeneinander am Laptop, auf dem Bildschirm Programmcode

Der Pilot: klein anfangen, sauber messen

Ein Empfehlungssystem braucht zum Start kein Programm für alle Kunden. Acht Festlegungen genügen: ein Kundensegment, ein nachweisbarer Erfolg als Auslöser, eine einheitliche Empfehlungsfrage, ein einfacher Weitergabeweg, eine transparente Belohnungsregel, eine geprüfte Datenverarbeitung, die vier Kennzahlen und ein fester Auswertungstermin.

Nach dem Pilot zählt nicht nur die Anzahl der Empfehlungen, sondern der Grund für ihr Ausbleiben. Die größten Hebel liegen fast immer im Zeitpunkt, in der Präzision der Zielbeschreibung und in der Einfachheit des Weges.

Lächelnder Mann mit dem Hörer eines alten Wählscheibentelefons am Ohr

Fazit

Empfehlungen bleiben menschliche Entscheidungen und lassen sich nicht erzwingen. Steuerbar sind ihre Bedingungen: Kundenerfolg, Auslöser, Anlass, Weitergabeweg, Belohnung, Erfassung und Auswertung. Wer diese sieben Elemente verbindet, verwandelt Zufall in einen wiederholbaren Prozess, der die Beziehung zum Bestandskunden schützt, den empfohlenen Kontakt respektiert und seinen Beitrag zum Umsatz sichtbar macht. Wer den Aufbau nicht vollständig intern übernehmen will, findet weitere Informationen auf der Seite zur Agentur für Empfehlungsmarketing.

Nahaufnahme einer Laptop-Tastatur, darüber blau eingefärbter HTML-Quelltext
Nächster Schritt

Sichtbarkeit besprechen,
bevor die nächste Maßnahme startet.

Ein Erstgespräch klärt Ausgangslage, realistische Ziele und welcher Hebel für Ihre Website zuerst zählt.

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