ONMA Ratgeber

Affiliate Marketing Provider auswählen: Netzwerk, SaaS oder eigenes Partnerprogramm

Netzwerk, SaaS-Plattform oder eigenes Partnerprogramm: die Auswahlkriterien für Merchants, von Setup-Gebühr und Override bis Datenhoheit und Wechselkosten.

Aufgeklappter Laptop auf dunklem Untergrund, auf dem Bildschirm eine Google-Trefferliste zur Suche „Online Marketing Experte“

Wer als Unternehmen einen Affiliate Marketing Provider sucht, sucht in Wahrheit nach vier verschiedenen Dingen gleichzeitig. Eine Suche nach dem Begriff liefert Netzwerk-Startseiten, Programmverzeichnisse, redaktionelle Vergleiche und ein Software-Verzeichnis nebeneinander, ohne dass sich eine dominierende Antwortform durchsetzt. Das ist kein Mangel der Suchmaschine, sondern ein Abbild des Marktes: Ein Netzwerk, eine Tracking-Software und ein Verzeichnis lösen drei unterschiedliche Probleme, werden aber unter demselben Wort verkauft. Die Auswahlentscheidung beginnt deshalb nicht mit einem Anbieternamen, sondern mit der Frage, welche Aufgabe überhaupt ausgelagert werden soll.

Die drei Modelle und wofür sie jeweils gebaut sind

Das Affiliate-Netzwerk stellt Technik, Abrechnung und Zugang zu einem bestehenden Publisher-Pool in einem Paket bereit. Als die größten Anbieter im deutschsprachigen Raum werden regelmäßig affilinet, Belboon, Commission Junction, TradeDoubler, TradeTracker und AWIN geführt. Übersichten nennen daneben Impact und CJ Affiliate, ADCELL gilt als klassisches Netzwerk, Digistore24 ist auf digitale Produkte und Online-Kurse zugeschnitten. Awin positioniert sich als globale Plattform mit einer Community aus Publishern und Advertisern, was den eigentlichen Kaufgrund gut beschreibt: Man bezahlt nicht für Software, man bezahlt für Reichweite in einem Markt, in dem Vertrauen zwischen Merchant und Publisher sonst einzeln aufgebaut werden müsste.

Die SaaS-Plattform liefert nur die Technik. In Software-Verzeichnissen existiert Affiliate-Software als eigene Kategorie mit eigenem Anbietervergleich, getrennt von den Netzwerken. Tracking, Partnerverwaltung, Provisionsregeln und Reporting sind enthalten, die Partner selbst nicht. Wer bereits weiß, mit wem er zusammenarbeiten will, etwa mit einer Handvoll Fachpublisher, Content-Creator oder Bestandsvertriebspartner, zahlt im Netzwerkmodell für eine Vermittlungsleistung, die er nicht braucht.

Das In-House-Partnerprogramm ist die Eigenentwicklung oder die selbst betriebene Plattform unter eigener Domain. Es lohnt sich dort, wo die Partnerbeziehungen ohnehin bestehen, wo Sonderkonditionen individuell verhandelt werden oder wo die Provisionslogik zu speziell für Standardregeln ist. Der Preis dafür ist kein Lizenzpreis, sondern Betriebsverantwortung: Tracking-Qualität, Betrugserkennung, Abrechnung und Steuerthemen liegen dann im eigenen Haus.

Eine brauchbare Faustregel: Je unbekannter die Marke und je erklärungsbedürftiger das Produkt, desto mehr spricht für ein Netzwerk. Je etablierter die Partnerlandschaft und je höher der Deckungsbeitrag pro Verkauf, desto eher trägt SaaS oder In-House.

Was der Provider selbst kostet, unabhängig von der Provision

Die Provision an den Publisher ist der offensichtliche Kostenblock und zugleich der uninteressanteste, weil sie nur bei Erfolg anfällt. Entscheidend für die Anbieterauswahl sind die Kosten des Providers selbst. Sie treten in vier Formen auf.

Setup-Gebühr. Einmalig, fällig vor dem ersten Umsatz. Sie deckt Einrichtung, Integrationsbegleitung und Prüfung des Programms ab. Für die Kalkulation ist wichtiger als die Höhe, ob sie bei einem Anbieterwechsel erneut anfällt.

Laufende Grundgebühr. Monatlich oder jährlich, unabhängig vom Umsatz. Bei SaaS-Plattformen ist sie meist der Hauptpreisbestandteil und häufig nach Zahl der Partner, Transaktionen oder Klicks gestaffelt.

Netzwerkgebühr oder Override. Der wirtschaftlich schwerwiegendste Posten. Das Netzwerk erhält einen prozentualen Aufschlag auf jede ausgezahlte Provision. Bei einer Provision von 8 Prozent und einem Override von 30 Prozent zahlt der Merchant effektiv rund 10,4 Prozent vom Umsatz, nicht 8. Wer Modelle vergleicht, muss diese effektive Quote rechnen, sonst vergleicht er Zahlen, die nicht dieselbe Bedeutung haben.

Mindestumsatz oder Mindestgebühr. Ein Sockelbetrag, der auch dann fällig wird, wenn das Programm wenig liefert. Für kleine Programme ist das oft der Punkt, an dem das Netzwerkmodell rechnerisch kippt.

Konkrete Zahlen zu Setup, Override und Mindestumsätzen veröffentlichen die Anbieter uneinheitlich und ändern sie regelmäßig. Sie gehören deshalb in eine eigene Preisanfrage und nicht in eine Recherche, die sechs Monate alt ist. Der belastbare Vergleich entsteht erst, wenn jeder Anbieter dieselbe Modellrechnung beantwortet: erwarteter Jahresumsatz über Affiliate, angenommene Durchschnittsprovision, daraus Gesamtkosten pro Jahr inklusive aller Fixanteile.

Ein Nebeneffekt der Marktlage sollte in die Kalkulation einfließen: Die Suche nach einem Provider ist ein kommerzieller Vorgang mit sehr wenig Suchvolumen, aber hohen Klickpreisen. Anbieter zahlen viel Geld für sehr wenige Anfragen, weil eine gewonnene Merchant-Beziehung über Jahre trägt. Das bedeutet für die Gegenseite: Der Verhandlungsspielraum bei Setup und Override ist in aller Regel größer, als die Preisliste vermuten lässt.

Technische Anbindung und die Frage, wem die Daten gehören

Die Integration entscheidet, wie sauber gemessen wird und wie teuer ein späterer Wechsel ausfällt. Vier Punkte sind vor der Unterschrift zu klären.

Art der Anbindung. Ein Pixel im Bestellabschluss ist schnell eingebaut und am anfälligsten. Eine serverseitige Anbindung über Schnittstelle oder Postback ist aufwendiger, überlebt aber Browser-Beschränkungen, Adblocker und Consent-Verluste deutlich besser. Wer heute noch rein clientseitig misst, verschenkt Zuordnung und zahlt sie an anderer Stelle.

Attribution und Stornoprozess. Wie lange gilt ein Kontakt als ursächlich, wie werden Retouren zurückgemeldet, wie schnell fließen Storni in die Abrechnung. Ein Provider, der Stornierungen nur manuell und verzögert verarbeitet, produziert Auszahlungen auf Umsätze, die es nicht mehr gibt.

Datenhoheit. Die zentrale Frage lautet nicht, ob es ein Reporting gibt, sondern ob Roh- und Transaktionsdaten sowie die Kontaktdaten der Partner jederzeit exportierbar sind, in maschinenlesbarer Form und ohne Zusatzkosten. Wer nur eine Oberfläche zum Anschauen bekommt, kann seine eigene Historie nach dem Wechsel nicht mitnehmen und verliert damit die Grundlage jeder Bewertung von Partnern.

Betriebsstabilität. Ausfallzeit im Tracking ist verlorener Umsatz, der niemandem auffällt, weil nichts kaputt aussieht. Verfügbarkeitsangaben gehören deshalb zu den harten Kriterien. ADCELL etwa nennt für sein Netzwerk eine Erreichbarkeit von mehr als 99,95 Prozent. Wichtig ist, dass eine solche Zahl im Vertrag steht und nicht nur auf der Website, und dass geregelt ist, was bei Unterschreitung passiert.

Zur Anbindung gehört auch die Werbemittelseite: Der Produktanbieter stellt die Werbemittel bereit, die Partner auf ihren eigenen Websites oder über andere Kanäle einsetzen. Ein Provider, dessen Werbemittelverwaltung keine Produktdatenfeeds, keine automatisierte Aktualisierung und keine sauberen Deeplinks unterstützt, verlagert diese Arbeit dauerhaft in das eigene Marketingteam.

Vertragslaufzeit und der Wechsel, den niemand einplant

Der Wechsel ist der teuerste Teil des gesamten Modells, und er wird bei der Auswahl fast immer unterschätzt. Nicht die Technik ist das Problem, sondern die Partnerbeziehung. Publisher haben ihre Links gesetzt, ihre Abrechnung eingerichtet und ihre Zahlungsschwellen im alten Netzwerk. Ein Umzug bedeutet für sie Arbeit ohne Nutzen, und ein Teil von ihnen macht sie schlicht nicht mit. Wer wechselt, verliert typischerweise die passive Long-Tail-Schicht seines Programms, also genau die Partner, um die sich nie jemand gekümmert hat und die trotzdem verkauft haben.

Daraus folgen konkrete Vertragspunkte: Laufzeit möglichst kurz oder mit Sonderkündigungsrecht bei Leistungsstörung, Kündigungsfristen ohne automatische Jahresverlängerung, ein zugesicherter Datenexport inklusive Partnerkontakten zum Vertragsende, klare Regeln für die Abrechnung offener Transaktionen nach Kündigung und die Frage, wem die im Netzwerk aufgebaute Partnerbeziehung nach dem Vertrag gehört.

Ein pragmatischer Zwischenweg ist der Parallelbetrieb: neue Partner über das neue System, bestehende über das alte, bis deren Umsatzanteil klein genug ist. Das kostet doppelte Grundgebühr für einige Monate und ist fast immer billiger als ein harter Schnitt.

Ein Auswahlraster, das in eine Sitzung passt

Ein belastbarer Vergleich braucht keine Marktstudie, sondern sechs Zeilen pro Anbieter. Erstens die effektive Gesamtkostenquote auf Basis der eigenen Umsatzerwartung, alle Fixkosten eingerechnet. Zweitens die Passung des Publisher-Bestands zur eigenen Kategorie, denn ein Netzwerk mit vielen Gutschein- und Cashback-Partnern ist für ein erklärungsbedürftiges B2B-Produkt weitgehend wertlos. Drittens die Art der technischen Anbindung und ob eine serverseitige Variante existiert. Viertens der Datenexport im Klartext, mit Format und Umfang. Fünftens Laufzeit und Ausstiegsbedingungen. Sechstens die Betreuung, also ob es einen benannten Ansprechpartner gibt oder nur ein Ticketsystem.

Zur Vorbereitung hilft ein Blick in die Programmverzeichnisse, ohne sie mit dem Provider zu verwechseln. affiliate-marketing.de weist über 60.000 internationale Partnerprogramme mit stundenaktuellen Daten und Filterfunktion aus, 100partnerprogramme.de betreut nach eigener Angabe nationale und internationale Programme namhafter Unternehmen, darunter CHECK24, Otto und eBay. Solche Verzeichnisse zeigen, über welches Netzwerk die eigenen Wettbewerber laufen und welche Konditionen sie den Partnern bieten. Das ist die realistischste verfügbare Benchmark für die eigene Provisionshöhe und oft aussagekräftiger als jedes Verkaufsgespräch.

Am Ende ist die Entscheidung selten technisch. Sie lautet: Kaufen wir Zugang zu einem Markt, oder haben wir ihn bereits und kaufen nur noch die Buchhaltung dazu.