ONMA Ratgeber

Desk Research auf Deutsch: Sekundärforschung methodisch sauber durchführen

Der Leitfaden zeigt, wie Sie Quellen auswählen, Datenqualität prüfen, Informationslücken erkennen und Primärforschung gezielt einplanen.

Nahaufnahme einer Laptop-Tastatur, darüber blau eingefärbter HTML-Quelltext

Wer im deutschsprachigen Raum nach einer Anleitung zu Desk Research sucht, findet meist zwei Dinge: englische Methodenliteratur und deutsche Definitionen, die nach einem Absatz aufhören. Dieser Leitfaden setzt dort an, wo es praktisch wird. Er zeigt, wie Sie eine Sekundärrecherche aufsetzen, welche Quellen Sie zulassen, woran Sie brauchbare von unbrauchbaren Daten unterscheiden und an welchem Punkt Sie die Recherche abbrechen und stattdessen selbst erheben müssen. Die Reihenfolge ist dabei kein Stilmittel, sondern Methode: Fragestellung vor Suche, Prüfung vor Übernahme, Lückenanalyse vor der Entscheidung über eigene Erhebungen.

Der deutsche Begriff und warum er die Arbeit strukturiert

Desk Research wird im Deutschen üblicherweise als Sekundärforschung bezeichnet. Daneben sind die Bezeichnungen Sekundärerhebung und sekundäre Marktforschung gebräuchlich, und die Methode zählt fachlich zur Marktforschung. Das ist mehr als eine Übersetzungsfrage. Das Wort “sekundär” beschreibt die entscheidende Eigenschaft der Methode: Sie werten bereits vorhandene Daten aus, statt neue Daten zu erheben.

Daraus folgt eine Einschränkung, die Sie über die gesamte Recherche mitführen sollten. Jede Zahl, die Sie finden, wurde von jemand anderem für einen anderen Zweck erhoben. Definitionen, Grundgesamtheiten, Erhebungszeiträume und Abgrenzungen stammen nicht aus Ihrem Projekt. Gute Sekundärforschung besteht deshalb weniger im Finden als im Prüfen und im sauberen Übertragen fremder Daten auf die eigene Fragestellung.

Schritt 1: Die Fragestellung festlegen, bevor Sie suchen

Der häufigste Fehler ist der Start in der Suchmaschine. Formulieren Sie zuerst schriftlich, was Sie am Ende beantworten können müssen, und zwar so konkret, dass die Antwort prüfbar wäre. “Marktgröße” ist keine Fragestellung. “Wie viele Betriebe eines bestimmten Zuschnitts existieren in einer bestimmten Region, nach welcher Abgrenzung und zu welchem Stichtag” ist eine.

Leiten Sie daraus drei Dinge ab:

  1. Die Informationsziele. Welche einzelnen Größen brauchen Sie, um die Frage zu schließen?
  2. Die Abgrenzungen. Welcher Zeitraum, welche Region, welche Definition gilt für Ihr Projekt?
  3. Die Abbruchkriterien. Woran erkennen Sie, dass eine Größe ausreichend belegt ist und Sie weitersuchen können?

Ohne diesen Schritt sammelt Desk Research Material an, statt eine Frage zu schließen. Mit ihm wird jede gefundene Quelle sofort einsortierbar: Sie beantwortet ein Informationsziel, sie beantwortet es teilweise, oder sie gehört nicht in die Recherche.

Schritt 2: Interne und externe Quellen getrennt erschließen

Desk Research kann interne Quellen wie Unternehmensdaten und externe Quellen wie Statistiken, Studien, Publikationen und Datenbanken nutzen. Behandeln Sie beide Gruppen als getrennte Arbeitsschritte, weil sie unterschiedliche Stärken haben.

Interne Quellen liegen bereits vor und sind exakt auf Ihr Unternehmen bezogen: Umsatz und Absatz nach Segmenten, Kundendaten, Angebots und Auftragsdaten, Reklamationen, Auswertungen aus dem Vertrieb, Berichte früherer Projekte. Ihr Vorteil ist die Passgenauigkeit, ihr Nachteil die fehlende Außensicht. Beginnen Sie hier, weil interne Daten oft schon zeigen, welche externe Größe überhaupt fehlt.

Externe Quellen liefern den Vergleichsmaßstab. Typische Informationsquellen für Desk Research sind professionelle Datenbanken und wissenschaftliche Studien, dazu amtliche und verbandliche Statistiken sowie Fachpublikationen. Arbeiten Sie sich dabei möglichst nah an die Ursprungsquelle heran. Ein Fachartikel, der eine Zahl referiert, ist nicht die Quelle dieser Zahl, sondern eine Fundstelle. Notieren Sie zu jeder übernommenen Größe, wer sie erhoben hat, wann, mit welcher Methode und für welche Grundgesamtheit.

Schritt 3: Jede Quelle auf vier Kriterien prüfen

Die Aussagekraft einer Sekundärrecherche hängt von Relevanz, Herkunft, Aktualität und methodischer Qualität der bereits vorhandenen Daten ab. Diese vier Kriterien eignen sich gut als feste Prüfliste, die Sie auf jede einzelne Quelle anwenden, bevor Sie eine Zahl übernehmen.

Relevanz. Passt die Quelle zu Ihrer Abgrenzung, oder passt nur das Stichwort? Prüfen Sie Region, Zeitraum, Branchenabgrenzung und Betrachtungseinheit. Eine bundesweite Größe beantwortet keine regionale Frage, auch wenn sie näherungsweise verwendet werden kann. Wenn Sie umrechnen, dokumentieren Sie die Annahme.

Herkunft. Wer hat die Daten erhoben, und wer hat die Erhebung bezahlt? Interessen sind kein Ausschlussgrund, aber sie gehören in die Bewertung. Unterscheiden Sie konsequent zwischen erhebender Stelle und veröffentlichender Stelle.

Aktualität. Welcher Stichtag oder Erhebungszeitraum gilt, nicht welches Veröffentlichungsdatum? Wie schnell veraltet die Größe in Ihrem Feld? Strukturdaten altern langsam, Preis, Nachfrage und Technologiedaten schnell.

Methodische Qualität. Sind Stichprobe, Grundgesamtheit, Erhebungsmethode und Definitionen offengelegt? Fehlt diese Offenlegung, ist die Zahl kein Beleg, sondern eine Behauptung. Behandeln Sie sie entsprechend oder lassen Sie sie weg.

Halten Sie das Ergebnis dieser Prüfung fest, nicht nur die Zahl. Eine Quellentabelle mit Fundstelle, Ursprungsquelle, Stichtag, Abgrenzung und einer kurzen Qualitätsnotiz ist das eigentliche Arbeitsergebnis der Prüfphase.

Schritt 4: Befunde zusammenführen, nicht sammeln

Nach der Prüfung beginnt der Teil, der Desk Research von Materialsammlung unterscheidet. Ordnen Sie die geprüften Befunde entlang Ihrer Informationsziele und beantworten Sie je Ziel drei Fragen: Was ist belegt? Was ist widersprüchlich? Was fehlt?

Widersprüche sind dabei ein Befund und kein Störfall. Wenn zwei Quellen unterschiedliche Werte nennen, liegt das häufig an abweichenden Definitionen oder Erhebungszeiträumen. Lösen Sie den Widerspruch über die Methodik der Quellen auf, statt einen Mittelwert zu bilden. Lässt er sich nicht auflösen, dokumentieren Sie beide Werte mit ihrer jeweiligen Abgrenzung und arbeiten mit einer Spanne.

Aus der dritten Frage entsteht das wichtigste Zwischenergebnis: eine explizite Liste der offenen Informationslücken.

Wann Desk Research nicht ausreicht

Desk Research wird häufig vor einer Primärforschung eingesetzt, um den Forschungsstand zu erfassen und offene Informationslücken zu bestimmen. Genau in dieser Reihenfolge liegt der praktische Nutzen: Die Sekundärrecherche entscheidet mit, ob und worüber Sie selbst erheben müssen.

Der Übergang zur Primärforschung ist fällig, wenn eine dieser Bedingungen zutrifft:

  • Für ein Informationsziel existiert keine Quelle, die Ihre Abgrenzung trifft, und eine Näherung wäre zu grob für die anstehende Entscheidung.
  • Vorhandene Daten sind zu alt für ein Feld, das sich schnell verändert.
  • Die Frage betrifft Motive, Erwartungen oder Reaktionen Ihrer eigenen Zielgruppe. Solche Größen liegen selten in fremden Datenbeständen vor.
  • Die Quellenlage ist widersprüchlich und die Widersprüche lassen sich methodisch nicht auflösen.
  • Die Tragweite der Entscheidung übersteigt die Belastbarkeit der gefundenen Belege.

Der Vorteil dieser Reihenfolge ist, dass eine anschließende Primärerhebung deutlich kleiner ausfällt. Sie erheben dann nur noch die Lücken, die die Sekundärforschung benannt hat, und nicht das gesamte Themenfeld.

Aufwand, Nutzen und Grenzen

Zu den zentralen Vorteilen von Desk Research gehören ein vergleichsweise geringer Zeit und Kostenaufwand. Vorhandene Daten müssen nicht finanziert und nicht erhoben werden, und der Einstieg ist ohne Vorlauf möglich. Deshalb ist die Methode in den meisten Projekten der sinnvolle erste Schritt.

Die Grenzen ergeben sich aus derselben Eigenschaft. Sie bestimmen weder Fragestellung noch Erhebungsmethode der Daten, mit denen Sie arbeiten. Passgenauigkeit, Aktualität und Tiefe sind vorgegeben, und ein Teil der gefundenen Zahlen wird die Prüfung nicht bestehen. Sekundärforschung liefert daher zuverlässig den Stand des verfügbaren Wissens, aber nicht automatisch die Antwort auf Ihre konkrete Frage.

Kurz zusammengefasst

Desk Research auf Deutsch heißt Sekundärforschung und bedeutet, vorhandene Daten auszuwerten statt neue zu erheben. Methodisch sauber wird die Recherche durch vier Festlegungen: eine schriftliche Fragestellung mit klaren Abgrenzungen, die getrennte Erschließung interner und externer Quellen, eine feste Prüfung jeder Quelle auf Relevanz, Herkunft, Aktualität und methodische Qualität sowie eine dokumentierte Zusammenführung, die offene Lücken benennt. Diese Lückenliste ist das eigentliche Übergabeergebnis. Sie entscheidet, ob die Frage beantwortet ist oder ob eine gezielte Primärerhebung folgt.