ONMA Ratgeber

Digitalisierung im E-Commerce: welcher Prozess wann digital wird und welches System ihn führt

Welcher Prozess im Handel zuerst digital wird und welches System ihn führt: Sortiment, Bestand, Bestellung, Zahlung, Versand und Retoure im Überblick.

Digitalisierung im E-Commerce heißt nicht, einen Shop zu bauen. Sie heißt, die Prozesskette dahinter so umzubauen, dass ein Auftrag vom Artikelstamm bis zur Erstattung ohne manuelle Übertragung durchläuft. Die Reihenfolge ist dabei nicht frei wählbar: Sie ergibt sich aus den Datenabhängigkeiten der Kette.

Sortiment → Bestellung → Zahlung → Versand → Retoure → Kundenbindung

Jede Stufe braucht die saubere Vorstufe. Ohne eindeutige Artikelnummern gibt es keinen belastbaren Bestellimport. Ohne verlässlichen Bestand kein zusagbares Lieferdatum. Ohne eindeutige Auftragsdaten weder automatischen Zahlungsabgleich noch automatisches Versandlabel. Wer in der Mitte anfängt, automatisiert Fehler schneller, statt sie zu beseitigen.

Warum der Verkaufskanal den Umbau erzwingt

Im stationären Handel federn Menschen die Lücken ab. Eine unklare Produktbeschreibung klärt das Verkaufsgespräch, einen falschen Bestand korrigiert der Griff ins Regal. Im digitalen Vertrieb fehlt diese Pufferzone: Dieselbe Lücke wird zur Überverkaufsmeldung, zur Lieferverzögerung, zur Retoure und zum Servicefall. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel führt E-Commerce in seinem 4. Politikbrief deshalb ausdrücklich als Treiber der Digitalisierung im Handel und begründet den Digitalisierungsdruck unter anderem mit der Corona-Pandemie.

Zur Abgrenzung in einem Satz: E-Commerce meint die reinen Handelsaktivitäten über digitale Kanäle, Digital Commerce ist laut Arvato Systems der deutlich weiter gefasste Begriff und beschreibt, mit Bezug auf Gartner, den Übergang über Personalisierung, integriertes Marketing, digitale Selbstbedienung, Bestandsüberwachung und interaktive Produkte. Genau dieser Übergang ist der Umbau, um den es hier geht. Dass der Verkauf dabei über die eigene Website, über Online-Marktplätze wie Amazon oder eBay sowie über soziale Netzwerke läuft, verschärft die Anforderung nur: Jeder zusätzliche Kanal multipliziert die Zahl der Stellen, an denen dieselben Stammdaten korrekt sein müssen.

Die sieben Prozessbereiche in der Reihenfolge ihrer Abhängigkeit

1. Sortiment und Produktdaten strukturieren

Am Anfang steht der Artikel, nicht das System. Pflicht sind eine eindeutige, nie wiederverwendete Artikelnummer, Bezeichnung, Preis, Steuersatz, Bestand, Gewicht und Maße. Je nach Sortiment kommen Varianten, technische Merkmale, Bilder, Datenblätter, Gefahrgutkennzeichnung oder kundenspezifische Preise hinzu.

Zwei Systemklassen teilen sich diese Aufgabe, und die Verwechslung der beiden ist einer der häufigsten Fehlgriffe:

  • Die Warenwirtschaft beantwortet, welcher Artikel in welcher Menge wo verfügbar ist, und führt Einkauf, Verkauf und Warenbewegungen.
  • Ein PIM (Product Information Management) beantwortet, wie dieser Artikel verständlich und vollständig beschrieben ist, inklusive Medien, Übersetzungen und kanalspezifischer Ausspielung.

Die Faustregel für die Entscheidung: Solange ein Kanal bedient wird und das Sortiment in einer Tabelle noch überblickt werden kann, genügt die Warenwirtschaft. Ab dem zweiten Ausgabekanal, bei vielen Varianten oder bei Lieferantendaten in uneinheitlichen Formaten wird ein PIM zum eigentlichen Engpasslöser. Der Auslöser ist nie die Artikelzahl allein, sondern die Zahl der Stellen, an denen dieselbe Information gepflegt werden müsste.

2. Bestand und Beschaffung auf eine führende Quelle ziehen

Verkaufskanäle, Filialen und Lager müssen auf denselben Bestand sehen. Verwalten Shop, Kasse und Warenwirtschaft jeweils eigene Zahlen, entstehen Abweichungen nicht als Ausnahme, sondern als Regel. Zu klären ist deshalb zuerst, welches System den Bestand führt und an alle anderen verteilt, in der Regel die Warenwirtschaft oder das ERP.

Operativ gehören dazu Wareneingang, Reservierung, Umlagerung, Inventur und Verkauf, dazu Meldebestände mit automatischen Bestellvorschlägen. Bei mehreren Lagern braucht es zusätzlich eine Regel, aus welchem Standort ein Auftrag beliefert wird, und zwar eine dokumentierte, nicht eine im Kopf der Lagerleitung.

3. Bestellungen ohne Medienbruch übergeben

Eine Bestellung muss über eine Schnittstelle in die Auftragsbearbeitung laufen, nicht über Copy und Paste. Das führende System prüft dann automatisiert:

  • Ist die Zahlung autorisiert oder freigegeben?
  • Sind alle Positionen verfügbar, und aus welchem Lager?
  • Muss der Auftrag auf mehrere Lieferungen geteilt werden?
  • Welche Versandart, welche Rechnungs- und Steuerlogik gelten?
  • Gibt es Auffälligkeiten, die eine manuelle Prüfung rechtfertigen?

Der entscheidende Punkt wird meist übersehen: Automatisierung des Normalfalls ist nur die halbe Arbeit. Genauso wichtig ist eine saubere Ausnahmelogik, die Abweichungen in einer Arbeitsliste sammelt. Sonst kontrolliert das Team weiterhin jeden Auftrag vorsorglich von Hand und der Nutzen der Schnittstelle verpufft.

4. Payment und Finanzprozesse anschließen

Zahlungsabwicklung ist mehr als die Auswahl von Zahlarten. Sie umfasst Autorisierung, Zahlungseingang, Teilerstattung, Gebühren, Mahnwesen und die Abstimmung mit der Buchhaltung. Der Payment Service Provider liefert den Status, das ERP oder die Warenwirtschaft entscheidet daraus, ob der Auftrag weiterläuft, und ordnet anschließend Zahlungen, Rechnungen, Gutschriften und Gebühren eindeutig zu.

Fehlt dieser Rückkanal, wächst der Aufwand nicht linear, sondern überproportional: Jede Differenz wird zur Einzelrecherche zwischen Bankauszug, Providerreport und Auftrag. Der E-Commerce-Leitfaden der IHK München und Oberbayern führt die Digitalisierung der Finanzprozesse deshalb als eigenen Baustein, neben Warenwirtschaft, Bezahlen im Internet sowie Versand- und Retourenmanagement.

Grenzüberschreitender Verkauf bringt zusätzliche Regeln ins Spiel: Lieferland, Umsatzschwellen, Steuersätze und Meldeverfahren. Das Mehrwertsteuer-Digitalpaket hat die Rahmenbedingungen zum 01.07.2021 verändert und ist dort ein eigener Punkt des Leitfadens. Steuerlogik gehört damit in die Systemauswahl, nicht in eine nachgelagerte Tabelle.

5. Versand und Lager verbinden

Nach der Freigabe beginnt die Erfüllung. Ein digitaler Versandprozess reicht von der Kommissionierung bis zur Rückmeldung der Sendungsnummer an Shop und Kunde:

  1. Auftrag an das Lager übergeben
  2. Lagerplatz und Pickreihenfolge bestimmen
  3. Artikel scannen und Menge prüfen
  4. Verpackung und Versanddienstleister wählen
  5. Label erzeugen
  6. Bestand abbuchen
  7. Sendungsstatus zurückmelden

Scanner oder mobile Lagergeräte senken Fehlgriffe spürbar, ein Warehouse Management System lohnt erst, wenn Wegezeiten und Pickfehler messbar Geld kosten. Für kleinere Händler reicht eine gut konfigurierte Warenwirtschaft mit Versandmodul. Der Digitalisierungsgrad bemisst sich hier nicht an der Zahl der Systeme, sondern daran, ob Statusinformationen automatisch zurücklaufen.

6. Retouren als eigenen Prozess bauen

Eine Retoure ist kein rückwärts abgespielter Versand. Sie braucht eine eigene Logik:

  • eindeutige Zuordnung zum Ursprungsauftrag
  • dokumentierter Rückgabegrund
  • Zustandsbewertung der Ware
  • Entscheidung über Wiedereinlagerung, Aufbereitung oder Abschreibung
  • Auslösung von Erstattung oder Gutschrift
  • Aktualisierung von Bestand und Finanzdaten

Der eigentliche Wert liegt im Rückgabegrund. Häufen sich Rücksendungen wegen abweichender Maße oder unklarer Merkmale, liegt die Ursache in Stufe 1, den Produktdaten. Häufen sich Transportschäden, liegt sie in Stufe 5. So schließt die Retoure die Kette nicht nur ab, sie repariert die vorgelagerten Stufen.

7. Service und Kundenbindung anbinden

Nach dem Kauf folgen Lieferfragen, Reklamationen, Ersatzteile und Nachbestellungen. Der Service braucht dafür eine vollständige Sicht auf Auftrag, Zahlung, Versand und Retoure in einer Oberfläche. Ein CRM bündelt Kontakte und Vertriebsaktivitäten, ersetzt aber keine Warenwirtschaft: Es kennt die Beziehung, das ERP führt die kaufmännische und logistische Abwicklung.

Dass diese Prozesse nicht an der Shopgrenze enden, zeigt die Ordnung der IHK Dresden, die Digitalisierung im Handel entlang von Online-Sichtbarkeit, Kundenakquise über alle geeigneten Vertriebskanäle, digitalen Technologien zur Unterstützung des stationären Verkaufs, digitaler Kundenbindung nach dem Ladenbesuch und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz gliedert. Als praxisnahe Anlaufstelle für diese Themen führt sie das Mittelstand-Digital Zentrum Handel.

Wer führt welche Daten

Systeme sollten sich nicht um Zuständigkeiten streiten. Jedes Datenobjekt braucht genau ein führendes System. Creditreform nennt als Software-Grundlage der Digitalisierung im E-Commerce entsprechend ERP-Systeme zur Ressourcenplanung sowie E-Commerce-Plattformen wie Shopware.

SystemHauptaufgabeFührende Daten
ERPUnternehmensweite Ressourcen- und ProzessplanungAufträge, Einkauf, Rechnungen, Finanzen
WarenwirtschaftSteuerung des WarenflussesArtikel, Bestände, Wareneingang und Warenausgang
PIMPflege und Ausgabe von ProduktinformationenMerkmale, Texte, Bilder, Dokumente, Übersetzungen
CRMKundenbeziehungenKontakte, Aktivitäten, Verkaufschancen, Servicehistorie
Payment-SystemDigitale ZahlungenAutorisierung, Zahlung, Erstattung, Status
VersandsystemAnbindung der FrachtführerLabels, Versandarten, Sendungsnummern
Shop oder MarktplatzDigitaler VerkaufskanalWarenkorb, Bestellung, kanalspezifische Darstellung

In kleinen Unternehmen fallen mehrere Rollen in ein System. Das ist kein Mangel, solange die Führung eindeutig bleibt. Ausgangspunkt der Auswahl ist der Prozess und das Datenvolumen, nicht die Länge der Funktionsliste.

Schnittstellen sind der eigentliche Digitalisierungsgrad

Ein Prozess ist nicht digital, nur weil jeder Bereich Software einsetzt. Solange Menschen Daten zwischen Programmen tragen, bleibt der Medienbruch bestehen, nur mit mehr Lizenzkosten. Jede Schnittstelle braucht deshalb fachlich beantwortet:

  • Welches System ist für welche Daten führend?
  • Welche Daten laufen in welche Richtung?
  • Sofort oder zeitgesteuert?
  • Wie werden Fehler erkannt und wiederholt verarbeitet?
  • Wie werden Dubletten verhindert?
  • Wer überwacht den Datenaustausch im Betrieb?

Am kritischsten sind die Schlüssel: Artikelnummer, Kundenkennung, Auftragsnummer, Statuswert. Uneinheitliche Schlüssel führen dazu, dass technisch verbundene Systeme fachlich aneinander vorbeiarbeiten, und dieser Fehler ist nachträglich teuer zu beheben.

B2B: der Bestellvorgang ersetzt den Abschluss

Im B2B genügt es selten, den bestehenden Bestellprozess unverändert online zu stellen. Geschäftskunden erwarten individuelle Preise, vereinbarte Sortimente, Freigabeworkflows, Kostenstellen, mehrere Lieferadressen und Kauf auf Rechnung. Shopware beschreibt E-Commerce als zentralen Treiber der digitalen Transformation im B2B-Segment und den Wandel vom persönlichen Abschluss zum digitalen Bestellvorgang.

Der Außendienst verliert dabei nicht an Bedeutung, er verliert Routine. Verfügbarkeitsabfragen, Nachbestellungen bekannter Artikel, Dokumentenabruf und Auftragsstatus wandern in die Selbstbedienung, Beratung und komplexe Abschlüsse bleiben. Voraussetzung ist die enge Kopplung von Plattform, ERP, Preislogik und Kundendaten. Fehlt sie, entsteht ein zusätzlicher Bestellkanal, der intern weiterhin von Hand abgearbeitet wird, also ein Rückschritt in Prozesskosten.

Reifegrad je Prozessbereich einordnen

Der Digitalisierungsstand ist fast nie gleichmäßig. Die Einordnung je Bereich zeigt, wo die nächste Investition wirkt.

ProzessbereichStufe 1: manuellStufe 2: teilweise digitalStufe 3: integriertStufe 4: datengetrieben
SortimentTabellen und Einzellösungenzentrale ArtikelpflegePIM mit KanalsynchronisierungQualitätsregeln und automatische Anreicherung
BestandZählen und SchätzenBestand je Kanal gepflegteine führende Quelle verteiltPrognose und Bestelloptimierung
Bestellungmanuelle ÜbertragungDateiimportdirekte Übergabe ans ERPautomatische Prüfung, Ausnahmen in der Liste
Zahlungmanuelle Kontrolleeinzelne Statusimporteautomatischer Zahlungsabgleichregel- und risikobasierte Steuerung
VersandEtiketten von HandVersandsoftware ohne RückkanalLager, Versand und Tracking verbundenoptimierte Lager- und Versandsteuerung
RetoureBearbeitung per E-Maildigitales FormularBestand und Erstattung integriertUrsachenanalyse und Prävention
Servicegetrennte PostfächerTicketbearbeitungvollständige Auftragssichtproaktive, personalisierte Betreuung

Stufe 4 überall ist kein Ziel. Priorität hat, was Umsatz blockiert, Fehler erzeugt oder unverhältnismäßig Arbeitszeit bindet.

Ein belastbarer Fahrplan

  1. Prozesse, Datenquellen und Verantwortlichkeiten aufnehmen.
  2. Artikelnummern, Produktdaten und Bestände bereinigen.
  3. Warenwirtschaft oder ERP als führendes operatives System festlegen.
  4. Bestellimport und Statusrückmeldung automatisieren.
  5. Payment, Buchhaltung und Erstattungen anbinden.
  6. Lager, Versand und Tracking integrieren.
  7. Retouren strukturiert erfassen und Gründe auswerten.
  8. CRM, Service und B2B-Selbstbedienung ergänzen.
  9. Kennzahlen überwachen und nachschärfen.

Messbar wird der Fortschritt an wenigen Zahlen: Anteil vollautomatisch verarbeiteter Bestellungen, Bearbeitungszeit je Auftrag, Bestandsabweichung zur Inventur, Fehlversandquote, Retourenquote je Grund und Dauer bis zur Erstattung. Wer diese Werte vor dem Projekt nicht kennt, kann seine Wirkung danach nicht belegen.

Digitalisierung im E-Commerce ist nicht abgeschlossen, wenn neue Software eingeführt ist. Sie wirkt erst, wenn Informationen entlang der gesamten Kette zuverlässig und ohne Handarbeit fließen. Der Shop ist der sichtbare Auslöser. Der eigentliche Umbau passiert in Sortiment, Warenwirtschaft, Auftragsbearbeitung, Zahlung, Logistik, Retoure und Kundenservice.