Internetagentur für Online Marketing: Auswahl, Briefing und Zusammenarbeit
Der Leitfaden zeigt, wie Sie eine Internetagentur für Online Marketing prüfen, briefen und über klare Rollen, Datenhoheit sowie KPIs steuern.
Eine Internetagentur für Online Marketing ist dann die richtige Wahl, wenn Website und Werbekanäle nicht getrennt voneinander laufen sollen, sondern als ein System geplant, gebaut und gemessen werden. Der entscheidende Unterschied zur reinen Kanalagentur liegt in der Verantwortung: Wer Technik, Inhalte und Kampagnen zusammen steuert, kann eine schlechte Conversion Rate nicht mehr auf ein anderes Gewerk schieben. Dieser Leitfaden beschreibt, wie Sie diesen Agenturtyp abgrenzen, die Zusammenarbeit aufsetzen und über Kennzahlen steuern, ohne die Hoheit über Ihre Daten und Ihre Website abzugeben.
Welcher Agenturtyp zu Ihrem Vorhaben passt
Der Begriff Internetagentur wird oft uneinheitlich verwendet. Für die Auswahl hilft die Frage, wo der Schwerpunkt der Wertschöpfung liegt und wer am Ende für die Wirkung geradesteht.
Webagentur mit Marketing-Anbau. Hier liegt der Kern in der Entwicklung: Design, CMS, Schnittstellen und Hosting. Marketing wird als Zusatzpaket angeboten, oft betreut durch ein kleines Team. Dieser Typ passt, wenn Ihr Vorhaben technisch sehr anspruchsvoll ist, etwa ein Shop mit komplexer ERP-Anbindung, und die Marketingkampagnen überschaubar bleiben.
Marketingagentur mit Technikpartner. Der Fokus liegt auf Mediaplanung und Kreation. Die technische Entwicklung wird oft an externe Partner zugekauft. Dies ist sinnvoll, wenn Ihre Website stabil steht und der primäre Engpass in der Nachfrage liegt.
Internetagentur mit integrierter Verzahnung. Entwicklung und Marketing sitzen im selben Team, arbeiten am selben Backlog und teilen sich die Zielgrößen. Dieser Typ lohnt sich, wenn Änderungen an der Website unmittelbare Marketingwirkung haben: Ladezeiten, Seitenstruktur, Formulare, Landingpages und das Tracking.
Ein praktischer Test zur Abgrenzung: Fragen Sie, wer im Angebot eine Landingpage verantwortet, die schlecht konvertiert. Kommt eine klare Antwort mit Namen und Rolle, ist die Verzahnung real. Kommt die Antwort, das sei eine gemeinsame Aufgabe, ist sie es meist nicht.
Make or buy: Signale für die Entscheidung
Die Frage ist selten ein Alles oder Nichts. Sinnvoll ist eine Aufteilung nach Taktung und Wissensbindung.
Für eine externe Vergabe sprechen: unregelmäßiger Bedarf, Spezialwissen, das sich intern nicht auslasten lässt (technisches SEO, komplexe Kampagnenstruktur, Tracking Architektur), fehlende Vertretungsregelung bei einer Ein Personen Rolle sowie ein Projektstau, der seit Monaten unverändert ist.
Für den internen Aufbau sprechen: Inhalte, die tiefes Fachwissen aus dem Betrieb brauchen, die tägliche operative Pflege wie Produktdaten, Preise oder Verfügbarkeiten sowie alles, was direkten Kundenkontakt erzeugt, etwa Antworten auf Bewertungen und Anfragen.
Ein belastbares Signal ist die Wartezeit. Messen Sie über vier Wochen, wie lange eine kleine Änderung an der Website von der Idee bis zur Veröffentlichung braucht. Liegt dieser Wert regelmäßig über zwei Wochen, ist nicht das Marketing das Problem, sondern der Durchsatz. Eine Agentur, die beide Seiten abdeckt, löst genau diesen Engpass, eine zusätzliche Kanalagentur vergrößert ihn.
Rechnen Sie zudem die Vollkosten einer internen Stelle gegen ein Agenturbudget. Vergleichen Sie dabei ehrlich: Eine interne Person geht in Urlaub, kündigt oder benötigt lange Einarbeitung. Ein Agenturteam ist pro Stunde teurer, aber billiger pro Ausfalltag.
Kompetenz prüfen statt Referenzen ansehen
Referenzlisten zeigen, wer bezahlt hat, nicht unbedingt, wer gewirkt hat. Prüfen Sie stattdessen entlang nachvollziehbarer Belege.
Zertifikate und Partnerstatus einordnen. Für das Google Partner Logo müssen teilnehmende Unternehmen Anforderungen in den Bereichen Leistung, Ausgaben und Zertifizierungen erfüllen (Quelle: Google Ads Hilfe). Das ist ein Hinweis auf Erfahrung und Volumen, aber keine Qualitätsgarantie für Ihren spezifischen Fall. Fragen Sie nach, in welchem Konto die Anforderungen erfüllt wurden und wer davon in Ihrem Team sitzt.
Kennzahlenverständnis abfragen. Der Qualitätsfaktor in Google Ads ist eine Diagnosekennzahl von 1 bis 10 und basiert auf erwarteter Klickrate, Anzeigenrelevanz und Nutzererfahrung mit der Landingpage (Quelle: Google Ads Hilfe). Eine Agentur, die den Qualitätsfaktor als primäre Zielgröße verkauft, hat dessen diagnostischen Charakter nicht verstanden. Eine gute Antwort erklärt, dass die Landingpage Teil der Bewertung ist, und leitet daraus konkrete Entwicklungsaufgaben ab. Genau diese Brücke ist der Grund, beide Gewerke zusammenzulegen.
Realistische SEO Aussagen. Google beschreibt SEO als Arbeit, die Suchmaschinen das Crawlen, Indexieren und Verstehen von Inhalten erleichtern soll, garantiert dadurch aber keine automatische Spitzenposition (Quelle: SEO Starter Guide). Wer Ihnen Platz 1 zu einem fixen Datum zusagt, verkauft Ihnen ein Risiko. Belastbar sind Zusagen über Arbeitsergebnisse: Anzahl überarbeiteter Seiten, behobene Indexierungsprobleme oder erreichte Ladezeitwerte.
Messkompetenz. Die Google Search Console stellt Berichte zur Leistung einer Website in der Google Suche bereit und informiert unter anderem über Indexierungsprobleme (Quelle: Search Console). Google Analytics 4 verwendet ein ereignisbasiertes Datenmodell, bei dem Interaktionen als Ereignisse erfasst werden (Quelle: Analytics Hilfe). Lassen Sie sich im Auswahlgespräch erklären, welche Ereignisse für Ihr Geschäft definiert würden und warum. Wer hier nur Sitzungen und Seitenaufrufe nennt, wird Ihnen später Berichte ohne echten Entscheidungswert liefern.
Arbeitsprobe statt Pitch. Vergeben Sie eine kleine, bezahlte Aufgabe: eine Analyse einer bestehenden Seite mit drei priorisierten Maßnahmen und der Begründung, woran der Erfolg erkennbar wäre. Der Umgang mit Unsicherheit in diesem Dokument sagt mehr aus als jede Präsentation.
Das Briefing, das Nacharbeit spart
Ein Briefing ist kein Wunschzettel, sondern eine Entscheidungsgrundlage. Diese Bestandteile sollten schriftlich vorliegen, bevor ein Angebot kalkuliert wird:
- Geschäftsziel und Zeitraum: Nicht “mehr Sichtbarkeit”, sondern etwa “40 qualifizierte Anfragen pro Monat im Segment X bis Ende des dritten Quartals”.
- Ausgangslage mit Zahlen: Aktuelle Anfragen, Abschlussquote, durchschnittlicher Auftragswert, bisherige Kanäle und Budgets.
- Zielgruppen und Entscheidungsweg: Wer sucht, wer entscheidet, wie lange dauert der Prozess.
- Nicht verhandelbare Rahmenbedingungen: Corporate Design, bestehendes CMS, Hosting, Vorgaben des Betriebsrats, Freigabewege oder Branchenrecht.
- Bestand und Altlasten: Technische Schulden, alte Kampagnen, bestehende Verträge mit Kündigungsfristen.
- Entscheidungsstruktur auf Kundenseite: Eine Person mit Mandat, ein Vertreter, eine feste Reaktionszeit für Freigaben.
Punkt sechs wird am häufigsten unterschätzt. Projekte scheitern seltener an der Agentur als an fehlenden Freigaben. Halten Sie im Briefing fest, wie lange eine Freigabe maximal dauern darf und was passiert, wenn die Frist verstreicht.
Prozess und Verantwortlichkeiten
Legen Sie vor Projektstart eine Verantwortungsmatrix an. Für jede wiederkehrende Aufgabe wird benannt, wer sie ausführt, wer entscheidet und wer informiert wird.
| Aufgabe | Ausführung | Entscheidung | Information |
|---|---|---|---|
| Keyword und Themenplan | Agentur | Marketing intern | Vertrieb |
| Texte und Fachinhalte | Agentur, Fachinput intern | Fachbereich | Agentur |
| Technische Umsetzung | Agentur | IT intern | Marketing |
| Kampagnenbudget | Agentur | Geschäftsführung | Controlling |
| Tracking und Consent | Agentur | Datenschutzbeauftragter | IT |
| Veröffentlichung | Agentur | Marketing intern | alle |
Dazu gehört ein fester Takt: ein kurzer wöchentlicher Abgleich für laufende Arbeit, ein monatlicher Bericht mit Entscheidungen und ein Quartalsgespräch für Strategie und Budget. Der Monatsbericht sollte immer drei Teile haben: was gemessen wurde, was daraus folgt und was im nächsten Monat getan wird. Berichte ohne den dritten Teil sind reine Beschäftigungsnachweise.
Klären Sie außerdem den Umgang mit Dringlichkeit. Ohne definierte Reaktionszeiten für Störungen, etwa eine nicht erreichbare Website, wird jeder Vorfall zur Eskalation.
Datenhoheit und rechtliche Pflichten
Hier entscheidet sich, ob eine Trennung von der Agentur später teuer wird.
Konten gehören Ihnen. Google Ads, Analytics, Search Console, Werbekonten der sozialen Netzwerke, Domain, DNS und Hosting werden auf Ihre eigene Organisation angelegt. Die Agentur erhält Zugriff als Nutzer oder über eine Verwaltungsverknüpfung. Ein Konto, das der Agentur gehört, nehmen Sie beim Wechsel nicht mit, und mit ihm verlieren Sie die gesamte Historie, auf der jede Bewertung von Maßnahmen beruht.
Auftragsverarbeitung regeln. Verarbeitet eine Agentur personenbezogene Daten im Auftrag eines Kunden, verlangt Artikel 28 DSGVO eine vertragliche Regelung der Auftragsverarbeitung (Quelle: EU Verordnung). Der Vertrag muss vor dem ersten Zugriff auf Daten vorliegen, nicht nachträglich zum Projektabschluss. Klären Sie darin auch den Einsatz von Unterauftragnehmern, etwa Hostern oder Freelancern.
Einwilligung beim Tracking. Nach Paragraph 25 TDDDG ist für das Speichern von Informationen in Endeinrichtungen oder den Zugriff darauf grundsätzlich eine Einwilligung erforderlich; das Gesetz nennt Ausnahmen, unter anderem für technisch unbedingt erforderliche Vorgänge (Quelle: Gesetze im Internet). Praktisch bedeutet das: Ihre Messdaten sind unvollständig und systematisch verzerrt. Eine Agentur, die das im ersten Gespräch anspricht und in der Berichterstattung berücksichtigt, arbeitet sauber. Eine Agentur, die exakte Zahlen verspricht, hat entweder nicht nachgedacht oder rechnet Ihnen etwas schön.
Legen Sie zusätzlich fest, wo Arbeitsergebnisse liegen: Zugangsdaten in einem Passwortmanager Ihrer Organisation, Quellcode in einem Repository, auf das Sie Zugriff haben, Konzepte und Rohdaten an einem exportierbaren Ablageort.
KPI Steuerung ohne Kennzahlenfriedhof
Wählen Sie pro Ebene wenige Kennzahlen und verbinden Sie diese mit einer konkreten Entscheidung.
Geschäftsebene: Qualifizierte Anfragen, Abschlussquote, Umsatz je Kanal, Kosten je gewonnenem Kunden. Diese Zahlen entscheiden über das Budget.
Kanalebene: Kosten je Anfrage, Anteil wiederkehrender Besucher, Sichtbarkeit in der organischen Suche für geschäftsrelevante Themen. Diese Zahlen entscheiden über die Budgetverteilung zwischen den Kanälen.
Technikebene: Indexierungsstatus der wichtigen Seiten, Ladezeit, Fehlerquote in Formularen. Diese Zahlen entscheiden über den Entwicklungsbacklog.
Definieren Sie zu jeder Kennzahl die Quelle und die Schwelle, ab der gehandelt wird. Beispiel: Steigen die Kosten je Anfrage zwei Monate in Folge um mehr als 20 Prozent, wird die Kampagnenstruktur überprüft. Ohne Schwelle wird jede Abweichung nur diskutiert, aber nicht entschieden.
Wichtig ist die Karenzzeit. Inhaltliche und technische Maßnahmen wirken verzögert. Vereinbaren Sie, dass organische Maßnahmen frühestens nach einem festgelegten Zeitraum bewertet werden, und halten Sie fest, welcher Vergleichszeitraum gilt. Sonst bewerten Sie Saisonalität als Erfolg.
Vertragsfragen, die später Geld sparen
Um spätere Konflikte zu vermeiden, sollten folgende Punkte im Vertrag präzise geregelt sein:
- Leistungsbeschreibung mit Mengen: Nicht “laufende SEO Betreuung”, sondern benannte Arbeitspakete pro Monat. Sonst ist eine Minderleistung nicht feststellbar.
- Laufzeit und Kündigung: Eine erste Laufzeit von sechs bis zwölf Monaten ist bei aufbauender Arbeit üblich. Achten Sie auf die Kündigungsfrist und vermeiden Sie unkritische automatische Verlängerungen.
- Nutzungsrechte: Texte, Bilder, Code und Konzepte sollten mit Bezahlung vollständig übertragen werden, einschließlich des Rechts zur Bearbeitung. Klären Sie Lizenzen für zugekaufte Bilder und Schriften.
- Offboarding: Schreiben Sie fest, was bei Vertragsende übergeben wird: Zugänge, Datenexporte, Dokumentation der Kampagnenstruktur und Quellcode. Eine Frist von 30 Tagen nach Vertragsende ist praktikabel.
- Mediabudget getrennt ausweisen: Werbekosten und Agenturhonorar gehören in getrennte Positionen. Eine prozentuale Vergütung auf das Mediabudget setzt einen Anreiz, das Budget zu erhöhen, nicht die Effizienz.
- Ansprechpartner benennen: Namen im Vertrag, nicht nur Rollen, ergänzt durch eine Regelung für den Fall eines Wechsels.
- Vertraulichkeit und Wettbewerb: Klären Sie, ob die Agentur direkte Wettbewerber betreut und wie die strikte Trennung der Informationen gewährleistet wird.
Die ersten 90 Tage
Ein realistischer Start sieht so aus: In den ersten zwei Wochen werden Zugänge übergeben, die Auftragsverarbeitung unterzeichnet und die Messung geprüft. Bis Woche sechs liegen eine Bestandsaufnahme, ein priorisierter Maßnahmenplan und ein erstes umgesetztes Paket vor. Bis Woche zwölf gibt es den ersten Bericht, der Maßnahmen mit Wirkung verbindet, auch wenn die Wirkung anfangs noch klein ist.
Wenn nach 90 Tagen weder eine funktionierende Messung noch eine einzige veröffentlichte Änderung existiert, liegt das Problem meist nicht an der Laufzeit. Prüfen Sie dann zuerst die Freigabewege auf Ihrer Seite und danach die Arbeitsweise der Agentur, in dieser Reihenfolge. Meist ist die Antwort in der eigenen Organisation zu finden, und genau deshalb lohnt es sich, Verantwortlichkeiten, Datenhoheit und Entscheidungsfristen vor der Unterschrift zu klären statt danach.
