ONMA Ratgeber

Marketing for Online Shopping: Kanäle entlang der Customer Journey nach Unit Economics priorisieren

Vier Kennzahlen entscheiden, welcher Kanal Ihres Onlineshops die nächste Arbeitswoche verdient. Mit Beispielrechnung und 90-Tage-Ablauf.

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Die Frage, welches Marketing ein Onlineshop braucht, wird fast immer falsch gestellt. Sie setzt voraus, dass es eine Reihenfolge gibt, die für alle Shops gleichermaßen gilt. Gibt es nicht. Die Frage, die tatsächlich etwas entscheidet, lautet: Welcher Kanal verdient beim aktuellen Deckungsbeitrag, bei der aktuellen Kaufhäufigkeit und beim aktuellen Kundenwert die nächste verfügbare Arbeitswoche? Zwei Shops mit identischem Sortiment und identischem Umsatz können zu gegensätzlichen Antworten kommen, und beide haben recht, weil ihre Zahlen verschieden sind.

Dieser Leitfaden ordnet Marketingmaßnahmen deshalb nicht nach Kanalfamilie und schon gar nicht alphabetisch, sondern nach zwei Achsen: nach der Phase der Customer Journey, in der eine Maßnahme wirkt, und nach der Rechnung, die entscheidet, ob sie sich für Ihren Shop trägt. Aus beiden zusammen entsteht ein beispielhafter 90-Tage-Ablauf, der diese Priorisierungslogik abbildet und der bei anderen Kennzahlen bewusst anders aussehen würde. Was hier nicht steht: eine Definition des E-Commerce, ein Tutorial pro Kanal, eine Liste aller denkbaren Maßnahmen. All das setzt die eigentliche Entscheidung voraus, nämlich die, was zuerst kommt.

Die vier Zahlen, die die Reihenfolge bestimmen

Bevor ein Kanal überhaupt zur Debatte steht, brauchen Sie vier Werte. Sie stammen aus Ihrem Shopsystem und Ihrer Buchhaltung, nicht aus einem Marketingtool. Wer sie nicht hat, priorisiert nach Bauchgefühl, egal wie viele Kanäle er kennt.

1. Deckungsbeitrag pro Bestellung. Warenkorbwert minus Wareneinsatz, minus Versandkosten, minus Zahlungsgebühren, minus die erwarteten Kosten der Retourenquote. Das ist der Betrag, aus dem Marketing überhaupt bezahlt wird. Wer stattdessen mit Umsatz rechnet, verwechselt Bewegung mit Ertrag und landet bei Kanälen, die viel liefern und wenig einbringen.

2. Kaufhäufigkeit. Wie viele Bestellungen tätigt ein Kunde im Mittel in zwölf Monaten? Diese Zahl entscheidet mehr über Ihre Kanalauswahl als jede andere einzelne Kennzahl. Bei einer Kaufhäufigkeit nahe 1,0 muss die erste Bestellung die gesamte Akquise allein tragen. Bei 3,5 dürfen Sie den ersten Kauf strategisch knapp kalkulieren, weil die Amortisation später erfolgt.

3. Kosten pro Neukunde. Marketingausgaben eines Zeitraums geteilt durch die Zahl neuer Käufer im selben Zeitraum, nicht durch alle Bestellungen. Der Cost per Order ist eine nützliche Betriebskennzahl, beantwortet aber die falsche Frage. Er sagt, was eine Bestellung kostet. Sie müssen wissen, was ein Kunde in der Anschaffung kostet.

4. Kundenwert über zwölf Monate. Deckungsbeitrag pro Bestellung multipliziert mit der Kaufhäufigkeit, abzüglich der Kosten, die die Betreuung von Bestandskunden verursacht. Zwölf Monate sind ein pragmatischer Horizont: kurz genug, um aus echten Daten belegbar zu sein, lang genug, um Wiederkäufe zu erfassen.

Aus diesen vier Werten ergibt sich die Kennzahl, die über Kanalfreigaben entscheidet: das Verhältnis von Kundenwert zu Neukundenkosten. Liegt es unter 1, subventionieren Sie jeden Kauf. Liegt es bei 1,5, wächst der Shop, aber ohne Puffer für Fixkosten. Ab etwa 3 haben Sie Spielraum, teurere Kanäle und längere Rückzahlungsdauern zu testen.

Beispielrechnung: drei Shopprofile, drei Reihenfolgen

Die folgenden Zahlen sind konstruierte Beispiele, die die Logik veranschaulichen, keine Benchmarks. Setzen Sie Ihre eigenen Werte ein.

ProfilDeckungsbeitrag je BestellungKäufe pro JahrKundenwert 12 MonateTragbare Neukundenkosten
Möbelshop, hoher Warenkorb, seltener Kauf180 Euro1,1198 Eurobis ca. 65 Euro
Kosmetikshop, mittlerer Warenkorb, Wiederkauf14 Euro4,259 Eurobis ca. 20 Euro
Ersatzteilshop, kleiner Warenkorb, Bedarfsfall9 Euro1,312 Eurobis ca. 4 Euro

Aus derselben Tabelle folgen drei völlig verschiedene Marketingprogramme. Der Möbelshop kann pro Neukunde 65 Euro ausgeben und damit Kanäle bespielen, die Beratung, Bewegtbild und lange Entscheidungswege vertragen. Der Kosmetikshop verdient sein Geld erst ab dem zweiten Kauf und muss deshalb Bindung vor Reichweite stellen, sonst finanziert er teuer erworbene Kunden, die nie zurückkommen. Der Ersatzteilshop hat bei rund 4 Euro tragbaren Neukundenkosten praktisch keinen Spielraum für bezahlte Reichweite und ist auf Kanäle angewiesen, deren Grenzkosten pro zusätzlichem Besucher gegen null gehen: strukturierte Produktdaten, Suchsichtbarkeit, Wiederkehr über Direkteinstieg.

Das ist der Kern des gesamten Leitfadens: Nicht der Kanal ist gut oder schlecht, sondern das Verhältnis zwischen dem, was er kostet, und dem, was ein Kunde bei Ihnen wert ist.

Die Customer Journey als Auswahlraster

Ordnen Sie jede Maßnahme genau einer Phase zu. Maßnahmen, die sich keiner Phase zuordnen lassen, sind meistens Aktivität ohne Wirkung. Die vier Phasen unterscheiden sich vor allem in einem: darin, wie schnell sie sich rechnen müssen.

Phase 1: Bedarf entsteht, aber nicht bei Ihnen

In dieser Phase sucht niemand nach Ihrem Shop, häufig nicht einmal nach Ihrem Produkt. Menschen haben ein Problem und noch keinen Kaufwunsch. Maßnahmen hier sind Investitionen mit langer Rückzahlungsdauer: Ratgeberinhalte, Vergleichsformate, Social Content, Kooperationen, Präsenz in Nischenmedien.

Die Rechnung dazu ist unbequem. Ein Inhalt, der heute erscheint, zahlt frühestens in Monaten auf eine Bestellung ein. Wer eine Kaufhäufigkeit von 1,1 und 12 Euro Kundenwert hat, kann sich diese Phase schlicht nicht leisten und sollte sie überspringen, bis die Zahlen sich ändern. Wer 198 Euro Kundenwert hat, macht hier den entscheidenden Unterschied gegenüber Wettbewerbern, die ausschließlich auf vorhandene Kaufabsicht bieten und damit in denselben teuren Auktionen konkurrieren.

Praktische Auswahlregel: Bearbeiten Sie Phase 1 erst, wenn Phase 2 und Phase 4 sauber laufen. Frühe Journey-Arbeit bei kaputtem Wiederkauf ist die häufigste teure Fehlentscheidung im Shopmarketing, weil sie Aufmerksamkeit für Kunden kauft, die der Shop danach nicht halten kann.

Phase 2: Vergleich und Kaufabsicht

Hier entscheidet sich der Großteil des Umsatzes, und hier ist der Wettbewerb am teuersten. Der Kunde weiß, was er will, und prüft Preis, Verfügbarkeit, Versand und Vertrauen. Genau deshalb ist der wichtigste Hebel in dieser Phase selten der Kanal selbst, sondern die Datenqualität, die allen Kanälen zugrunde liegt.

Google beschreibt für das Merchant Center, dass Produktdaten für kostenlose Produkteinträge auf verschiedenen Google-Flächen verwendet werden können, wobei die Verfügbarkeit unter anderem von Land, Datenqualität und Richtlinienkonformität abhängt (support.google.com/merchants/answer/9199328). Übersetzt in Arbeitszeit heißt das: Ein sauberer Produktfeed mit korrekten Titeln, GTINs, Verfügbarkeiten und Preisen ist keine Vorbereitung auf Marketing, sondern selbst eine Maßnahme mit Reichweitenwirkung. Und es ist dieselbe Datenbasis, die bezahlte Formate später nutzen.

Genau das ist gemeint, wenn in diesem Leitfaden vom Zusammenspiel der Kanäle die Rede ist. Der Feed speist kostenlose Produkteinträge und bezahlte Shoppingformate gleichzeitig. Die Kategorieseiten, die organisch ranken, sind dieselben Seiten, auf denen bezahlter Traffic landet. Eine Verbesserung an der Produktdatenqualität wirkt deshalb mehrfach, eine Budgeterhöhung in einem einzelnen Kanal nur einmal. Wer Prioritäten setzt, bevorzugt Maßnahmen mit Mehrfachwirkung.

Zur Kontrolle der Sichtbarkeit in dieser Phase gehört die Google Search Console, die Google als Dienst beschreibt, mit dem Websitebetreiber die Präsenz ihrer Website in den Google-Suchergebnissen überwachen, verwalten und Fehler beheben können (developers.google.com/search/docs/monitor-debug/search-console-start). Die detaillierte technische Optimierung eines Shops, Keyword-Recherche und Seitenarchitektur sind eigene Themen, die hier bewusst nur am Rand stehen. Für die Priorisierungsfrage genügt Folgendes: Ohne Sichtbarkeitsdaten wissen Sie nicht, ob Ihr Phase-2-Problem ein Reichweiten- oder ein Konversionsproblem ist. Diese beiden Probleme sehen im Dashboard ähnlich aus und haben gegensätzliche Lösungen. Das eine braucht Budget, das andere braucht Arbeit an Seite und Angebot.

Phase 3: Kaufabschluss

Marketingbudget, das in Phase 3 versickert, ist der teuerste Verlust im gesamten Shop, weil es bereits bezahlten oder mühsam erarbeiteten Traffic betrifft. Typische Ursachen sind Versandkosten, die erst im Checkout auftauchen, fehlende Zahlarten, Zwangsregistrierung und unklare Lieferzeiten.

Die Priorisierungslogik ist hier besonders eindeutig: Eine Verbesserung der Abschlussquote wirkt auf alle Kanäle gleichzeitig und verursacht keine wiederkehrenden Mediaausgaben. Bevor Sie ein Kanalbudget um 30 Prozent erhöhen, prüfen Sie, ob dieselben 30 Prozent im Checkout billiger zu holen sind. Häufig sind sie es. Bei einem Shop mit 9 Euro Deckungsbeitrag pro Bestellung ist das nicht nur die bessere, sondern vielfach die einzig tragfähige Option, weil jede zusätzliche Bestellung aus bestehendem Traffic die Neukundenkosten senkt, ohne dass ein Euro Media fließt.

Phase 4: Wiederkauf und Kundenwert

Diese Phase entscheidet, ob Ihre Neukundenkosten überhaupt tragbar sind. Wer die Kaufhäufigkeit von 1,3 auf 1,8 hebt, verändert das gesamte Kanalbudget, ohne einen einzigen Kanal anzufassen. Der Kundenwert steigt, die tragbare Obergrenze für Akquisekosten steigt mit, und plötzlich rechnen sich Phase-2-Formate, die vorher gesperrt waren.

Hier gilt allerdings eine rechtliche Vorbedingung, die die Kanalauswahl real einschränkt. Nach § 7 UWG gilt Werbung per elektronischer Post ohne vorherige ausdrückliche Einwilligung grundsätzlich als unzumutbare Belästigung; für Bestandskunden enthält § 7 Absatz 3 eine Ausnahme, die an mehrere kumulative Voraussetzungen geknüpft ist (gesetze-im-internet.de/uwg_2004/__7.html). Kumulativ heißt: Alle Bedingungen müssen gemeinsam erfüllt sein, nicht eine davon. Und die Datenschutz-Grundverordnung verlangt für eine wirksame Einwilligung unter anderem, dass sie freiwillig, für den bestimmten Fall, informiert und unmissverständlich erteilt wird (eur-lex.europa.eu, Verordnung 2016/679). Ziehen Sie im Zweifel juristische Prüfung hinzu, bevor Sie Strecken aufsetzen, die auf der Bestandskundenausnahme beruhen.

Die praktische Konsequenz für die Priorisierung: Der Aufbau einer rechtssicheren Einwilligungsstrecke ist eine Maßnahme mit langer Wirkung und geringen Grenzkosten. Jede zusätzlich gewonnene Einwilligung ist ein Kontakt, der künftig nahezu kostenlos aktivierbar ist. Bei jedem Shop mit einer Kaufhäufigkeit über 1,5 gehört diese Baustelle vor jede Budgeterhöhung in Phase 2.

Wie die Kanäle sich gegenseitig tragen

Kanäle isoliert zu bewerten ist der zweithäufigste Fehler im Shopmarketing, direkt nach dem Rechnen mit Umsatz. Drei Kopplungen sind praktisch relevant, weil sie die Reihenfolge der Maßnahmen verändern:

Produktdaten koppeln organische und bezahlte Sichtbarkeit. Ein Fehler im Feed senkt beides gleichzeitig, eine Korrektur hebt beides gleichzeitig. Diese Maßnahme steht deshalb in fast jedem Shop weit oben, unabhängig vom Profil und unabhängig davon, welcher Kanal im Einzelreporting gerade gut aussieht.

Suchnachfrage kalibriert die Contentplanung. Was Menschen tatsächlich suchen, bestimmt, welche Ratgeberinhalte in Phase 1 überhaupt eine Chance auf Nachfrage haben. Ohne diese Rückkopplung produzieren Sie Inhalte für Fragen, die niemand stellt, und wundern sich später über fehlende Wirkung.

Bestandskundenkanäle erhöhen die tragbaren Neukundenkosten. Jeder Prozentpunkt Wiederkaufrate erhöht den Kundenwert und damit den Preis, den Sie sich für einen Neukunden leisten können. Das ist der einzige dauerhafte Weg, in umkämpften Auktionsumfeldern mitzubieten, ohne die Marge zu opfern. Wer nur die Gebote optimiert, optimiert am falschen Ende.

Damit diese Kopplungen messbar bleiben, brauchen Sie eine Messung, die Ereignisse und Werte kennt. Google Analytics 4 verwendet ereignisbasierte Datenmodelle, bei denen Interaktionen als Ereignisse erfasst werden (support.google.com/analytics/answer/9322688). Und Google Ads definiert den Conversion-Wert als numerischen Wert, der bestimmten Conversions zugeordnet werden kann, um deren unterschiedliche geschäftliche Bedeutung abzubilden (support.google.com/google-ads/answer/3419678). Für die Priorisierung genügt eine einfache Regel: Übergeben Sie den Deckungsbeitrag statt des Umsatzes als Conversion-Wert, sofern Ihr Shopsystem das hergibt. Sonst optimieren automatisierte Gebotssysteme auf die Bestellungen mit dem größten Warenkorb, nicht auf die mit dem größten Ertrag, und die beiden sind selten deckungsgleich. Der Aufbau eines vollständigen Reporting- und Attributionssystems ist ein eigenes Thema und hier ausdrücklich nicht gemeint.

Ein beispielhafter 90-Tage-Ablauf

Der folgende Ablauf ist keine universelle Checkliste, sondern die Anwendung der bisherigen Logik auf ein konkretes Profil: ein Shop mit mittlerem Warenkorb, einer Kaufhäufigkeit um 2, vorhandener organischer Grundsichtbarkeit und einem Verhältnis von Kundenwert zu Neukundenkosten von etwa 1,4. Bei anderen Ausgangswerten verschiebt sich die Reihenfolge. Genau das ist der Punkt.

Tage 1 bis 14: Die Rechnung aufstellen

Das Ziel dieser zwei Wochen ist keine Maßnahme, sondern eine belastbare Zahlenbasis. Ermitteln Sie den Deckungsbeitrag pro Bestellung inklusive Retouren, die Kaufhäufigkeit über die letzten zwölf Monate, die Neukundenkosten je Kanalgruppe und den Kundenwert. Halten Sie dabei fest, welche Zahl geschätzt und welche belegt ist. Eine belegte Zahl mit Fehler ist brauchbar, eine geschätzte Zahl mit Nachkommastelle ist es nicht.

Ergebnis am Tag 14: eine einzige Tabelle, aus der hervorgeht, wie viel ein Neukunde kosten darf. Wer diesen Schritt überspringt, priorisiert danach zwangsläufig nach Bauchgefühl.

Tage 15 bis 30: Verluste vor Reichweite

Zwei Baustellen: Produktdatenqualität und Kaufabschluss. Prüfen Sie den Feed auf fehlende Pflichtattribute, falsche Verfügbarkeiten und abweichende Preise. Prüfen Sie den Checkout auf die klassischen Abbruchgründe: überraschende Versandkosten, fehlende Zahlarten, Zwangsregistrierung, unklare Lieferzeit. Beide Baustellen senken die Kosten pro Neukunde, ohne dass ein Budget steigt, und beide wirken kanalübergreifend.

Ergebnis am Tag 30: ein bereinigter Feed und mindestens eine gemessene Verbesserung im Kaufabschluss.

Tage 31 bis 50: Bestandskunden aktivierbar machen

Bauen Sie die Einwilligungsstrecke so, dass sie den Anforderungen an eine wirksame Einwilligung standhält, und dokumentieren Sie, auf welcher Grundlage Sie Bestandskunden ansprechen. Danach folgt eine kleine Zahl wiederkehrender Anlässe statt einer Kampagnenidee pro Woche: Nachbestellzeitpunkt, Verbrauchsende, saisonaler Bedarf. Anlässe skalieren, Ideen verschleißen.

Ergebnis am Tag 50: eine messbar wachsende Empfängerbasis und mindestens eine automatisierte Strecke, deren Beitrag zur Kaufhäufigkeit sichtbar ist.

Tage 51 bis 75: Kaufabsicht gezielt bedienen

Erst jetzt kommt zusätzliches Reichweitenbudget in Phase 2 ins Spiel, und zwar begrenzt auf Sortimentsteile mit überdurchschnittlichem Deckungsbeitrag und unterdurchschnittlicher Retourenquote. Die Obergrenze steht seit Tag 14 fest und wird nicht verhandelt, nur weil ein Kanal gerade gut aussieht.

Ergebnis am Tag 75: eine belastbare Aussage darüber, welche Sortimentsteile bezahlte Reichweite tragen und welche nicht.

Tage 76 bis 90: Bewerten und die Reihenfolge neu setzen

Rechnen Sie die vier Kennzahlen neu. Der Kundenwert hat sich verändert, also verändert sich auch die Obergrenze für Neukundenkosten. Streichen Sie, was den neuen Wert nicht trägt. Erst wenn das Verhältnis komfortabel über 2 liegt, gehört Phase-1-Content, also Ratgeber- und Vergleichsinhalte ohne unmittelbare Kaufabsicht, in den nächsten Quartalsplan.

Ergebnis am Tag 90: eine aktualisierte Priorisierungstabelle, kein fixer Maßnahmenkatalog. Der Plan läuft nicht aus, er wird neu gerechnet.

Wann dieser Ablauf bewusst anders aussieht

  • Kaufhäufigkeit unter 1,2: Die Tage 31 bis 50 verlieren an Gewicht, weil es kaum Wiederkäufer zu aktivieren gibt. Stattdessen rücken Empfehlungslogik, Bewertungen und Vertrauenssignale nach vorn, denn der Kundenwert besteht praktisch aus einer einzigen Bestellung.
  • Deckungsbeitrag unter 10 Euro: Bezahlte Reichweite in Phase 2 bleibt gesperrt, bis der Warenkorb über Bündel oder Mindestbestellwerte steigt. Feed und organische Sichtbarkeit tragen die Akquise allein.
  • Verhältnis von Kundenwert zu Neukundenkosten über 3: Sie dürfen Phase 1 sofort angehen. In diesem Fall ist Zurückhaltung teurer als jeder Test, weil Wettbewerber mit denselben Zahlen längst investieren.
  • Starke Saison: Der 90-Tage-Ablauf beginnt so, dass Tag 75 vor dem Saisonstart liegt, nicht mittendrin. Wer den Plan in die Saison hinein kalendert, testet ausgerechnet dann, wenn die Daten am wenigsten aussagekräftig sind.

Die vier häufigsten Priorisierungsfehler

  1. Umsatz statt Deckungsbeitrag als Zielgröße. Führt zuverlässig dazu, dass die margenschwächsten Produkte das meiste Budget bekommen, weil sie die größten Warenkörbe erzeugen.
  2. Kanäle einzeln bewerten. Übersieht, dass Produktdaten und Landingpages mehreren Kanälen gleichzeitig dienen, und lässt genau die Verbesserungen liegen, die am billigsten sind.
  3. Reichweite vor Wiederkauf. Erhöht die Zahl der Kunden, deren Anschaffung sich nie amortisiert. Wachstum sieht dabei eine Weile so aus wie Erfolg.
  4. Neue Kanäle statt besserer Zahlen. Ein zusätzlicher Kanal löst kein Kundenwertproblem, er vergrößert es, weil er die gleiche schwache Rechnung auf mehr Flächen verteilt.

Was Sie nach diesem Leitfaden konkret tun

Nehmen Sie sich zwei Stunden und füllen Sie vier Felder aus: Deckungsbeitrag pro Bestellung, Kaufhäufigkeit, Kosten pro Neukunde, Kundenwert über zwölf Monate. Rechnen Sie das Verhältnis der letzten beiden Werte aus. Diese eine Zahl beantwortet die Frage, mit welcher Journey-Phase Sie beginnen, und sie beantwortet sie für Ihren Shop anders als für den Wettbewerber nebenan.

Alles Weitere folgt aus dieser Zahl: die Wahl konkreter Kanäle, die Ausgestaltung einzelner Formate, die technische Optimierung des Shops und die Frage, welche operativen Prozesse dahinter stehen müssen. Marketing für Online Shopping ist im Kern keine Kanalentscheidung. Es ist eine Reihenfolgeentscheidung, und die gehört den Zahlen, nicht dem Bauchgefühl.