ONMA Ratgeber

Online-Marketing-Maßnahmen auswählen und sinnvoll priorisieren

Fünf Kriterien, eine Ziel-Maßnahmen-Matrix und ein Scoring nach Wirkung und Aufwand: So wählen Sie Online-Marketing-Maßnahmen aus und planen 90 Tage.

Nahaufnahme einer Laptop-Tastatur, darüber blau eingefärbter HTML-Quelltext

Welche Online-Marketing-Maßnahmen passen zum eigenen Unternehmen? Die Antwort beginnt nicht mit einer Liste möglicher Kanäle, sondern mit einer strategischen Entscheidung: Welches Geschäftsziel soll in welchem Zeitraum mit welchem Budget erreicht werden?

Eine Maßnahme kann für ein Unternehmen hocheffektiv sein und für ein anderes nahezu bedeutungslos bleiben. Suchmaschinenoptimierung benötigt häufig Zeit, kann dafür langfristig qualifizierte Reichweite aufbauen. Suchanzeigen erschließen Nachfrage schneller, verursachen jedoch fortlaufende Kosten. E-Mail-Marketing funktioniert vor allem dann, wenn bereits Kontakte vorhanden sind und rechtssicher angesprochen werden können.

Dieser Leitfaden hilft dabei, Maßnahmen im Online Marketing anhand von fünf Kriterien auszuwählen:

  1. Geschäftsziel
  2. Funnel-Phase
  3. Verfügbares Budget
  4. Erwartete Wirkung
  5. Zeithorizont

Das Ergebnis ist kein möglichst voller Maßnahmenplan, sondern eine begründete Prioritätenliste für die nächsten 90 Tage.

Zuerst das Geschäftsziel festlegen

Formulieren Sie zunächst ein konkretes Ziel, das durch Marketing direkt beeinflusst werden kann. „Mehr Sichtbarkeit“ ist zu ungenau und kaum steuerbar. Effektive Ziele sind spezifisch:

  • Innerhalb von drei Monaten 40 qualifizierte Erstgespräche gewinnen.
  • Die Zahl relevanter Produktanfragen um 20 Prozent erhöhen.
  • Einen neuen Onlineshop bei der definierten Zielgruppe bekannt machen.
  • Vorhandene Kontakte häufiger zu einem zweiten Kauf bewegen.
  • Die Abhängigkeit von bezahlter Reichweite schrittweise verringern.

Ein Ziel sollte immer eine Kennzahl, einen Zeitraum und einen geschäftlichen Bezug enthalten. Nur so lässt sich später beurteilen, ob eine Maßnahme tatsächlich zum Erfolg beigetragen hat.

Wichtig ist zudem die Analyse der Ausgangslage. Wer noch keine relevante Reichweite, keine Kontakte und nur ein kleines Budget hat, muss anders priorisieren als ein etabliertes Unternehmen mit einer gut besuchten Website. Diese Einordnung verhindert, dass Maßnahmen gewählt werden, deren notwendige Voraussetzungen fehlen.

Maßnahmen nach Funnel-Phase auswählen

Neben dem Geschäftsziel entscheidet die Funnel-Phase darüber, welche Aktivitäten sinnvoll sind. Eine einfache Unterteilung reicht hier aus:

Aufmerksamkeit aufbauen (Top of Funnel)

Potenzielle Kunden kennen das Unternehmen oder das Angebot noch nicht. Geeignet sind Maßnahmen, die relevante Reichweite erzeugen und ein Problem sichtbar machen. Dazu gehören suchorientierte Inhalte, Social Media Kampagnen, Videoformate oder digitale PR. Reichweite ist hier kein Selbstzweck: Eine hohe Zahl von Impressionen ist wenig wert, wenn die erreichten Personen nicht zur Zielgruppe gehören.

Interesse und Nachfrage konkretisieren (Middle of Funnel)

Interessenten kennen ihr Problem und vergleichen Lösungswege. Nun helfen Inhalte mit höherer Entscheidungstiefe, beispielsweise Vergleiche, Anwendungsbeispiele, Webinare, detaillierte Produktseiten oder Suchanzeigen für spezifische Suchanfragen. Die Kernfrage lautet: Welche Informationen benötigt eine Person, um das Angebot als ernsthafte Option zu betrachten?

Handlung auslösen (Bottom of Funnel)

In dieser Phase sollen Interessenten eine Anfrage stellen, einen Termin buchen, sich registrieren oder kaufen. Priorität haben verständliche Angebotsseiten, eindeutige Handlungsaufforderungen (Call-to-Action), vertrauensbildende Nachweise und reibungsarme Formulare. Zusätzlicher Traffic löst ein unklar formuliertes Angebot nicht. Bevor Budget in Reichweite fließt, muss die Zielseite die Entscheidung unterstützen.

Kunden binden (Post-Funnel)

Nach dem Kauf können E-Mail-Kommunikation, Hilfsinhalte, ergänzende Angebote und gezielte Reaktivierung den Kundenwert erhöhen. Diese Maßnahmen sind besonders attraktiv, wenn die erneute Aktivierung eines bestehenden Kunden wirtschaftlicher ist als die Gewinnung eines neuen Kontakts.

Ziel-Maßnahmen-Matrix für die erste Auswahl

Die folgende Matrix dient als Orientierung, welche Maßnahmen unter typischen Bedingungen in die engere Auswahl gehören.

GeschäftszielSinnvolle PrioritätFunnel-PhaseWirkungseintrittBudgetcharakterZentrale Voraussetzung
Kurzfristig qualifizierte AnfragenSuchanzeigen (transaktional), fokussierte LandingpageInteresse, Handlungkurzfristiglaufendes Medienbudgetmessbare Nachfrage, klares Angebot
Organische Nachfrage langfristigSEO-Inhalte zu relevanten ProblemenAufmerksamkeit, Interessemittel bis langfristigArbeitszeit (intern/extern)fachliche Inhalte, technische Basis
Neues Angebot bekannt machenZielgerichtete Social Ads, Video, digitale PRAufmerksamkeitkurzfristig bis mittelfristigProduktion und Medienbudgetdefinierte Zielgruppe, starke Botschaft
Interessenten aktivierenRechtssichere E-Mail-Serie, Webinar, FallstudieInteresse, Handlungkurzfristigredaktioneller Aufwandnutzbarer Kontaktbestand
Wiederkäufe erhöhenSegmentierte E-Mails, NutzungshinweiseBindungkurzfristig bis mittelfristiggeringer bis mittlerer AufwandKundendaten, Folgeanlass
Anzeigen-Abhängigkeit reduzierenSEO, hilfreiche Inhalte, eigener VerteilerAufmerksamkeit bis Bindunglangfristigkontinuierliche RessourcenAusdauer, eigener Content-Zugang

Google beschreibt SEO als Unterstützung für Suchmaschinen beim Verstehen von Inhalten und für Nutzer beim Finden einer Website. Eine automatische Platzierung auf Rang eins wird dadurch nicht garantiert. Bezahlte Anzeigen haben zudem keinen direkten Einfluss auf die organische Präsenz einer Website. SEO und Suchanzeigen sollten daher nach ihrem jeweiligen Beitrag zum Ziel beurteilt werden. Quelle: Google Search Central, SEO Starter Guide.

Bei Google Ads entscheidet nicht allein das höchste Gebot über die Position. In die Auktion fließen unter anderem die Anzeigenqualität, die erwartete Wirkung von Assets und weitere Signale ein. Ein hohes Budget kann eine schwache Anzeige oder ein unpassendes Angebot nicht automatisch ausgleichen. Quelle: Google Ads Help, Anzeigenauktion.

Budget und Zeithorizont realistisch verbinden

Die häufigste Fehlentscheidung ist die Erwartung kurzfristiger Ergebnisse von langfristig wirkenden Maßnahmen. Umgekehrt werden schnelle Kanäle oft dauerhaft eingesetzt, obwohl ihre Kosten nicht wirtschaftlich tragbar sind.

Bei knappem Budget und hohem Zeitdruck

Konzentrieren Sie sich auf vorhandene Nachfrage und einen klar abgegrenzten Anwendungsfall. Eine fokussierte Kampagne mit einer passenden Zielseite ist sinnvoller als die gleichzeitige Bespielung mehrerer Plattformen. Das Budget muss jedoch für eine verwertbare Datenbasis reichen, um Ergebnisse eindeutig bewerten zu können.

Bei knappem Budget und längerem Zeithorizont

Investieren Sie in wenige, dauerhaft nutzbare Inhalte und eigene Kontaktpunkte. Entscheidend ist die Nähe zu einem geschäftlich relevanten Problem. SEO kann hier sinnvoll sein, sofern kontinuierlich an Inhalten gearbeitet werden kann. Der Effekt ist über Monate, nicht über Wochen, zu betrachten.

Bei höherem Budget und hohem Zeitdruck

Bezahlte Reichweite liefert schnell Daten und Kontakte. Starten Sie dennoch fokussiert auf dem Kanal mit der größten Nähe zur Zielgruppe. Reservieren Sie einen Teil des Budgets für die Optimierung der Zielseite und die Erstellung verschiedener Anzeigenvarianten.

Bei höherem Budget und längerem Zeithorizont

Ein ausgewogener Ansatz ist hier ratsam: Bezahlte Maßnahmen für die schnelle Nachfrage, Inhalte und SEO für die organische Reichweite sowie E-Mail-Kommunikation für den Beziehungsaufbau. Auch hier sollten nur wenige Schwerpunkte gleichzeitig aktiv sein, um die Messbarkeit zu gewährleisten.

Maßnahmen mit Wirkung und Aufwand bewerten

Nach der Vorauswahl werden die Kandidaten mit einem einfachen Scoring priorisiert. Bewerten Sie jede Maßnahme auf einer Skala von 1 bis 5.

Wirkung bewerten

Die Wirkungsbewertung setzt sich aus drei Faktoren zusammen:

  • Zielbeitrag: Wie direkt unterstützt die Maßnahme das aktuelle Geschäftsziel?
  • Zielgruppennähe: Wie wahrscheinlich erreicht sie die richtigen Personen in einer passenden Situation?
  • Messbarkeit: Wie zuverlässig lässt sich der Beitrag anhand einer Kennzahl erkennen?

Die Summe ergibt einen Wert von 3 bis 15 Punkten.

Aufwand bewerten

Der Aufwand wird ebenfalls anhand von drei Fragen eingeschätzt:

  • Kosten: Wie hoch sind Medienbudget, Produktion und Werkzeuge?
  • Zeit: Wie viele Arbeitsstunden werden benötigt?
  • Komplexität: Wie viele Abhängigkeiten und technische Voraussetzungen gibt es?

Auch hier ergibt sich ein Wert von 3 bis 15 Punkten. Je höher die Zahl, desto größer der Aufwand.

Prioritätswert berechnen

Die Formel lautet: Prioritätswert = Wirkung geteilt durch Aufwand.

Beispiel:

MaßnahmeWirkungAufwandPrioritätswertEntscheidung
Suchanzeigen (3 kaufnahe Themen)1381,63zuerst testen
Sechs umfangreiche SEO-Ratgeber11120,92Umfang reduzieren
E-Mail-Serie an vorhandene Kontakte1252,40hohe Priorität
Tägliche Beiträge auf drei Netzwerken6130,46vorerst nicht umsetzen

Das Ergebnis ist eine Entscheidungshilfe, keine mathematische Wahrheit. Wenn eine strategisch wichtige Maßnahme schlecht abschneidet, kann sie kleiner zugeschnitten werden. Aus sechs Ratgebern wird beispielsweise ein Themencluster mit einer zentralen Seite und zwei unterstützenden Beiträgen.

Berücksichtigen Sie zudem den Wirkungseintritt. Zwei Maßnahmen mit gleichem Wert erhalten unterschiedliche Prioritäten, wenn eine innerhalb von zwei Wochen und die andere erst nach Monaten Ergebnisse liefert.

Erfolg vor dem Start messbar machen

Für jede Maßnahme werden eine primäre Kennzahl und unterstützende Diagnosewerte festgelegt. Eine Suchanzeigenkampagne nutzt beispielsweise qualifizierte Anfragen als Hauptkennzahl, während Klickrate und Kosten pro Klick zur Diagnose dienen.

Google Analytics 4 nutzt ein ereignisbasiertes Datenmodell. Interaktionen wie Seitenaufrufe, Käufe oder Formularaktionen werden als Ereignisse erfasst. Die Google Search Console liefert Daten zu Suchanfragen, Klicks, Impressionen und der durchschnittlichen Position. Beide Werkzeuge ergänzen sich, beantworten aber unterschiedliche Fragen. Quellen: Google Analytics Help, Ereignisse und Google Search Console Help, Leistungsbericht.

Erheben Sie nur Daten, die für einen festgelegten Zweck benötigt werden. Nach Artikel 5 DSGVO müssen personenbezogene Daten zweckgebunden, auf das notwendige Maß beschränkt und nur so lange wie erforderlich gespeichert werden. Artikel 6 nennt Rechtsgrundlagen wie Einwilligung, Vertragserfüllung und berechtigte Interessen. Die Prüfung der rechtlichen Grundlage im Einzelfall sollte fachkundig erfolgen. Quellen: EUR-Lex, DSGVO Artikel 5 und 6.

Beispiel für einen 90-Tage-Fahrplan

Dieser Ablauf eignet sich für Unternehmen, die mehr qualifizierte Anfragen gewinnen und gleichzeitig eine langfristige Nachfragequelle aufbauen wollen.

Tage 1 bis 15: Ziel und Messung klären

  • Hauptziel und zugehörige Kennzahl festlegen.
  • Maßnahmen nach Wirkung und Aufwand bewerten.
  • Höchstens zwei primäre Maßnahmen auswählen.
  • Ereignisse (z. B. Formularversand) technisch einrichten.
  • Budget und Entscheidungsrhythmus festlegen.

Tage 16 bis 30: Grundlage erstellen

  • Fokussierte Landingpage für das priorisierte Angebot erstellen.
  • Botschaft und Handlungsaufforderungen abstimmen.
  • Kurzfristige Kampagne vorbereiten.
  • Erstes langfristig relevantes Suchthema bearbeiten und Inhalt erstellen.
  • Datenschutz und technische Funktion prüfen.

Tage 31 bis 60: Kontrolliert starten

  • Kampagne mit begrenztem Budget aktivieren.
  • Datenqualität und Kontaktqualität kontrollieren.
  • Suchanfragen, Anzeigen und Zielseite auf Fehlanpassungen prüfen.
  • Ersten organischen Inhalt veröffentlichen und intern verlinken.
  • Wöchentliche Dokumentation der bestätigten oder widerlegten Annahmen.

Tage 61 bis 90: Entscheiden und fokussieren

  • Ergebnisse mit dem ursprünglichen Ziel vergleichen.
  • Erfolgreiche Kombinationen aus Zielgruppe und Botschaft fortführen.
  • Unwirtschaftliche Aktivitäten stoppen oder anpassen.
  • Langfristigen Inhalt anhand von Suchdaten weiterentwickeln.
  • Prioritätswerte mit neuen Erkenntnissen aktualisieren.
  • Nächsten 90-Tage-Zyklus mit maximal zwei Schwerpunkten planen.

A/B-Tests sind nur sinnvoll, wenn Varianten anhand einer vorab definierten Zielmetrik verglichen werden und eine ausreichende Datenbasis vorhanden ist. Bei geringem Traffic ist ein Vorher-Nachher-Test oft praktikabler.

Typische Fehler bei der Priorisierung

Zu viele Maßnahmen gleichzeitig: Wenn fünf Kanäle parallel starten, verteilen sich Budget und Aufmerksamkeit. Es bleibt unklar, welche Aktivität den entscheidenden Beitrag geleistet hat.

Kanäle statt Ziele diskutieren: Die Frage „Brauchen wir TikTok?“ ist weniger hilfreich als die Frage, ob dort die Zielgruppe in einer relevanten Situation effizient erreicht wird.

Reichweite mit Wirkung verwechseln: Impressionen und Besuche sind Zwischenschritte. Entscheidend ist, ob sie zu qualifizierten Kontakten oder Käufen führen.

Langfristige Maßnahmen zu früh abbrechen: SEO und hochwertige Inhalte benötigen Zeit. Die Bewertung muss zum erwarteten Wirkungseintritt passen.

Schnelle Maßnahmen unbegrenzt verlängern: Eine Kampagne kann kurzfristig Anfragen liefern und dennoch langfristig unwirtschaftlich sein. Der wirtschaftliche Wert der Ergebnisse ist maßgeblich.

Die beste Auswahl ist bewusst begrenzt

Wirksame Maßnahmen im Online Marketing entstehen nicht durch maximale Aktivität, sondern durch bewusste Auswahl. Beginnen Sie mit einem messbaren Geschäftsziel, ordnen Sie es einer Funnel-Phase zu und prüfen Sie Budget sowie Zeithorizont.

Für einen 90-Tage-Zeitraum reichen meist zwei Schwerpunkte: eine Maßnahme zur schnellen Erschließung von Nachfrage und eine zweite für den langfristigen Zugang zur Zielgruppe. Nach 90 Tagen wird nicht einfach mehr hinzugefügt, sondern das Ergebnis bewertet und die Priorisierung angepasst. So wird aus einer Sammlung von Maßnahmen ein systematischer Entscheidungsprozess.