ONMA Ratgeber

Programmierung einer Webseite: die vier Bauwege und wann sie aufhören zu tragen

Die vier Bauwege einer Webseite im Vergleich: Projektgröße, Redaktion, Schnittstellen, Wartung und Migration. Mit dem Punkt, ab dem ein Weg nicht mehr trägt.

Wer nach der Programmierung einer Webseite fragt, erwartet oft eine Sprachfrage. Welche Technik, welches Framework, welche Zeile Code. Die eigentliche Entscheidung liegt aber eine Ebene darüber. Jede Webseite der Welt entsteht nach einem von vier Mustern: als handgeschriebener Code, aus einem Static Site Generator, in einem Content-Management-System oder in einem Homepage-Baukasten. Alles, was darüber hinaus existiert, ist eine Variante dieser vier Bauwege.

Diese Seite bewertet die vier Wege nicht danach, welcher am modernsten ist. Sie prüft, wie groß ein Projekt werden darf, wer seine Inhalte pflegt, welche Systeme es erreichen muss, wie viel Wartung es im Betrieb auslöst und wie teuer ein Ausstieg wird. Zu jedem Kriterium gehört ein Abbruchkriterium: der Punkt, ab dem ein Bauweg das Projekt nicht mehr trägt. Der teure Fehler ist selten die falsche Wahl am Anfang. Teuer ist der Moment, in dem ein Projekt aus seinem Bauweg herausgewachsen ist und niemand vorher aufgeschrieben hat, woran man das erkennt.

Die vier Bauwege in Kürze

Handcode bedeutet, HTML, CSS und clientseitige Logik werden direkt geschrieben und als fertige Dateien ausgeliefert. Die Trennung von Struktur und Gestaltung ist dabei keine Stilfrage, sondern der festgelegte Standard des Webs: CSS Level 1 ist seit dem 17. Dezember 1996 eine W3C-Recommendation, HTML5 seit dem 28. Oktober 2014. Handcode heißt also nicht “regellos”, sondern “ohne Zwischenschicht”.

Static Site Generator wie Hugo, Eleventy oder Astro arbeiten anders: Die Inhalte liegen als Textdateien vor, ein Build-Vorgang erzeugt daraus fertige HTML-Seiten. Im Betrieb benötigt der Server dann weder eine Datenbank noch eine serverseitige Skriptsprache. Der Preis dafür: Jede inhaltliche Änderung läuft über einen neuen Build.

Content-Management-Systeme wie WordPress, TYPO3 oder Drupal speichern Inhalte in einer Datenbank. Der Server setzt jede Seite bei Abruf zusammen oder liefert sie aus einem Cache. Die Software selbst ist häufig kostenlos, WordPress steht unter der GPLv2-Lizenz. Kosten entstehen an anderer Stelle: Hosting, Domain, Premium-Themes, Plugins und vor allem der dauerhafte Pflegeaufwand.

Homepage-Baukasten schließlich bündeln Editor, Hosting, Vorlagen und Betrieb als ein Paket bei einem Anbieter. Sie mieten das Ergebnis, nicht die Bauteile.

Kriterium 1: Projektgröße

Projektgröße ist nicht die Seitenzahl allein, sondern die Seitenzahl multipliziert mit der Zahl der Varianten jeder Seite.

Bis etwa zehn Seiten, die sich selten ändern, trägt jeder der vier Wege. Hier entscheidet nicht die Größe, sondern alles andere.

Zwischen zehn und einigen hundert Seiten mit wiederkehrenden Mustern, etwa Leistungsseiten, Standortseiten oder Referenzen, gewinnt alles, was aus Vorlagen erzeugt. Static Site Generatoren und CMS spielen hier ihre Stärke aus. Handcode wird in dieser Größenordnung zum Kopierproblem: Eine Änderung am Navigationspunkt bedeutet zweihundert Dateiänderungen.

Ab einigen tausend Seiten wird die Erzeugung selbst zum System. Static Site Generatoren bleiben stark, weil die Auslieferung nur noch Dateien kennt und jeder Build reproduzierbar ist. CMS-Installationen brauchen jetzt ein ernsthaftes Caching und ein Datenmodell, das jemand bewusst entworfen hat, statt gewachsen sein zu lassen. Baukästen fallen praktisch aus, weil sie Inhalte selten programmatisch und in großer Zahl entgegennehmen.

Abbruchkriterium Größe: Sobald dieselbe inhaltliche Änderung an mehr als drei Stellen von Hand nachgezogen werden muss, trägt der aktuelle Bauweg die Größe nicht mehr.

Kriterium 2: Redaktionsbedarf

Die entscheidende Frage lautet nicht “Wie oft ändert sich etwas?”, sondern “Wer ändert es?”

Wenn Inhalte von Menschen gepflegt werden, die keine Textdateien und keine Versionsverwaltung benutzen wollen oder sollen, ist das ein hartes Argument für CMS oder Baukasten. Beide bieten eine Oberfläche, in der eine Änderung ohne technische Zwischenschritte live geht.

Wenn Inhalte dagegen aus einer anderen Quelle stammen, etwa aus einer Datenbank, einer Tabelle oder einem automatisierten Prozess, ist eine Redaktionsoberfläche kein Vorteil, sondern eine zusätzliche Hürde. Static Site Generatoren nehmen Inhalte als Dateien entgegen und lassen sich deshalb automatisieren, ohne dass jemand ein Formular ausfüllt.

Handcode hat gar keinen Redaktionsweg. Jede Textänderung ist eine Codeänderung. Bei einer fünfseitigen Visitenkartenseite ist das unerheblich. Bei einem wöchentlich gepflegten Ratgeberbereich ist es untragbar.

Abbruchkriterium Redaktion: Wenn die Person, die den Inhalt kennt, ihn nicht selbst veröffentlichen kann und Änderungen deshalb liegen bleiben, trägt der Bauweg den Redaktionsbedarf nicht mehr.

Kriterium 3: Schnittstellen

Schnittstellen werden am häufigsten zu spät geprüft. Gemeint sind Warenwirtschaft, CRM, Buchungs- und Terminsysteme, Zahlungsdienstleister, Produktdatenfeeds, Login-Bereiche und die Ziele, an die Formulare senden.

Handcode und Static Site Generatoren können jede Schnittstelle bedienen, aber jede muss gebaut werden. Bei einer ist das überschaubar. Bei fünf ist es ein eigenes Projekt.

Ein CMS bringt für verbreitete Schnittstellen fertige Erweiterungen mit. Das verkürzt den Weg erheblich, verlagert aber die Last: Jede Erweiterung ist Fremdcode, der aktualisiert werden will und der mit der nächsten Kernversion brechen kann.

Baukästen bieten genau die Schnittstellen, die der Anbieter vorgesehen hat. Was nicht im Katalog steht, existiert nicht. Das ist keine Schwäche, sondern der Charakter des Produkts, und es ist harmlos, solange niemand etwas außerhalb des Katalogs braucht.

Eine Sonderform verdient Beachtung: Wenn Inhalte pro Besucher oder pro Abfrage unterschiedlich ausgegeben werden müssen, reicht ein rein statischer Build allein nicht. Er lässt sich mit clientseitigen Abfragen ergänzen, doch diese Ergänzung ist eine Architekturentscheidung, keine Kleinigkeit am Rand.

Abbruchkriterium Schnittstellen: Sobald eine geschäftskritische Funktion nur noch über einen Workaround erreichbar ist, den niemand außer der bauenden Person versteht, trägt der Bauweg die Integrationslast nicht mehr.

Kriterium 4: Laufender Wartungsaufwand

Wartung ist die Kostenposition, die bei der Entscheidung am häufigsten fehlt, weil sie erst ab etwa dem sechsten Monat sichtbar wird.

Ein Static Site Generator hat im Betrieb die kleinste Angriffsfläche, weil auf dem Server nichts läuft, was angreifbar wäre. Seine Wartung verlagert sich in die Build-Umgebung: Abhängigkeiten veralten, und wer ein Jahr nicht baut, richtet beim nächsten Build erst einmal die Umgebung wieder her.

Ein CMS erzeugt kontinuierlichen Aufwand: Kernupdates, Plugin-Updates, Theme-Updates, Datenbankpflege, Backups. Dieser Aufwand ist planbar und nicht dramatisch, aber er verschwindet nie. Wird er ausgesetzt, wird aus versäumter Wartung irgendwann ein Sicherheitsvorfall.

Handcode hat fast keine Wartung und fast keine Automatik. Nichts veraltet von selbst, aber auch nichts verbessert sich von selbst.

Ein Baukasten hat für den Betreiber praktisch keine technische Wartung. Der Anbieter aktualisiert. Dafür entscheidet der Anbieter auch, wann sich etwas ändert, und Sie erfahren es hinterher.

Abbruchkriterium Wartung: Wenn Updates aufgeschoben werden, weil die Seite sie nicht mehr unbeschadet übersteht, ist der Bauweg technisch bereits verlassen worden. Die Entscheidung ist dann nur noch nicht ausgesprochen.

Kriterium 5: Migrationsrisiko

Das Migrationsrisiko misst, wie teuer der Ausstieg aus einem Bauweg ist. Es ist das einzige Kriterium, das vor der Entscheidung geprüft werden muss, weil es danach nicht mehr verhandelbar ist.

Beim Static Site Generator ist das Risiko gering. Inhalte liegen als lesbare Textdateien vor und lassen sich mit vertretbarem Aufwand in ein anderes System überführen.

Beim Handcode ist das Risiko mittel. Inhalt und Auszeichnung stecken in denselben Dateien und müssen bei einem Wechsel getrennt werden, aber alles liegt offen und gehört Ihnen.

Beim CMS ist das Risiko mittel bis hoch. Die Inhalte lassen sich aus der Datenbank exportieren. Was nicht mitkommt, ist alles, was in Plugins und Theme-Logik steckt, und das ist bei gewachsenen Installationen oft der größere Teil des Projekts.

Beim Baukasten ist das Risiko am höchsten. Ein vollständiger, strukturierter Export der Inhalte ist bei vielen Anbietern nicht vorgesehen. Im ungünstigsten Fall bleibt das Abtippen.

Abbruchkriterium Migration: Wenn niemand die Frage “Wie kämen wir hier in vier Wochen wieder heraus?” beantworten kann, ist das Risiko nicht klein, sondern unbekannt.

Der Vergleich in einer Übersicht

KriteriumHandcodeStatic Site GeneratorCMSBaukasten
Trägt Projektgrößekleinklein bis sehr großklein bis großklein
Redaktion ohne Technikwissenneineingeschränktjaja
Schnittstellenfrei, aber selbst gebautfrei, aber selbst gebautfertige Erweiterungennur Anbieterkatalog
Laufende Wartungsehr geringgering, im Builddauerhaftbeim Anbieter
Migrationsrisikomittelgeringmittel bis hochhoch

Die Tabelle zeigt bewusst keinen Gesamtsieger. Jede Zeile ist eine Bedingung, keine Note. Wer in einer Zeile zweimal auf “nein” oder “hoch” stößt, hat seine Antwort bereits.

Was in jedem Bauweg gilt

Vier Anforderungen sind bauwegunabhängig. Sie sind deshalb kein Auswahlkriterium, sondern eine Pflicht, die jeder der vier Wege erfüllen muss.

Mobile Darstellung. Google indexiert seit dem 5. Juli 2024 ausschließlich mit dem Smartphone-Crawler. Inhalte, die nur in einer Desktop-Ausgabe existieren, werden nicht indexiert. Responsives Verhalten ist damit keine Ausstattungsfrage mehr, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt gefunden zu werden.

Ladezeit. Der Schwellenwert für Largest Contentful Paint liegt bei 2,5 Sekunden für die Bewertung “gut”. Jeder Bauweg kann diesen Wert erreichen, und jeder kann ihn verfehlen: ein Baukasten mit überladenem Template ebenso wie eine schlecht konfigurierte CMS-Installation.

Rechtstexte. Die Impressumspflicht für geschäftsmäßige Webseiten steht in Deutschland seit dem 14. Mai 2024 in § 5 des Digitale-Dienste-Gesetzes (DDG) und nicht mehr in § 5 TMG.

Barrierefreiheit. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz verpflichtet seit dem 28. Juni 2025 Anbieter bestimmter Dienstleistungen gegenüber Verbrauchern, darunter Webseiten und Onlineshops, zur Barrierefreiheit. Das betrifft die Umsetzung in jedem Bauweg. Bei Baukästen und Fremd-Themes ist es besonders zu prüfen, weil Sie die Auszeichnung dort nicht selbst in der Hand haben.

Die Entscheidung in drei Fragen

Wenn Sie nur drei Fragen stellen wollen, stellen Sie diese, und zwar in dieser Reihenfolge.

Wer pflegt die Inhalte in zwölf Monaten? Ist es eine nicht technische Person im eigenen Haus, führt der Weg zu CMS oder Baukasten. Kommt der Inhalt aus einem System oder von einer technischen Person, öffnet sich der Weg zu Static Site Generator und Handcode.

Welche Systeme muss die Seite in zwölf Monaten erreichen? Zählen Sie sie schriftlich auf. Bei null bis einer Schnittstelle ist jeder Weg offen. Ab drei Schnittstellen entscheidet allein, ob es für sie fertige und gepflegte Anbindungen gibt.

Wer aktualisiert, und wer haftet, wenn es niemand tut? Gibt es dafür keine benannte Person und kein Budget, ist ein System mit dauerhaftem Updatebedarf die falsche Wahl, unabhängig davon, wie gut es in allen anderen Kriterien punktet.

Notieren Sie die Antworten zusammen mit den fünf Abbruchkriterien in einem einzigen Dokument. Der Wert dieser Entscheidung liegt nicht darin, heute richtig zu liegen. Er liegt darin, in zwei Jahren an einem geschriebenen Satz zu erkennen, dass der Bauweg gewechselt werden muss, statt es erst am unbezahlbaren Umbau zu merken.