ONMA Ratgeber

Das semiotische Dreieck einfach erklärt

Warum ein Wort seinen Gegenstand nie direkt erreicht: die drei Ecken, die gestrichelte Grundlinie und das Modell von Ogden und Richards mit Beispielen.

Zwei Männer arbeiten in einem hellen Büro nebeneinander am Laptop, auf dem Bildschirm Programmcode

Das semiotische Dreieck ist ein Modell der Bedeutungslehre, und es macht genau eine Aussage: Ein sprachliches Zeichen erreicht den Gegenstand, den es bezeichnet, niemals direkt. Der Weg führt immer über einen Begriff, also über das Wissen, das eine Sprachgemeinschaft mit diesem Zeichen verknüpft hat. In der klassischen Zeichnung wird die Verbindung zwischen Zeichen und Gegenstand deshalb gestrichelt dargestellt, während die beiden anderen Seiten durchgezogen sind.

Diese gestrichelte Linie ist der eigentliche Inhalt des Modells. Aus ihr folgt alles Weitere: warum verschiedene Sprachen verschiedene Wörter für dieselbe Sache haben, warum zwei Menschen dasselbe Wort benutzen und Verschiedenes meinen, und warum ein Wort wie „Einhorn" verständlich ist, obwohl es nichts gibt, worauf es zeigen könnte.

Das Modell wird in der Semantik, der Semiotik, der Kommunikationswissenschaft und in der Terminologiearbeit benutzt. Es heißt auch Bedeutungsdreieck oder Dreieck der Bedeutung.

Die drei Ecken auf einen Blick

PositionOgden und Richards (1923)Übliche deutsche BezeichnungAm Beispiel „Hund"
Spitze obenThought or ReferenceBegriff, Konzept, Vorstellungdas Wissen: Säugetier, vier Beine, bellt, domestiziert
Ecke unten linksSymbolZeichen, Zeichenform, Wortkörperdie Lautfolge oder die Buchstabenfolge „Hund"
Ecke unten rechtsReferentGegenstand, Bezugsobjekt, Denotatder Hund, der gerade vor der Haustür sitzt

Wie das Dreieck gezeichnet wird

Die Spitze liegt oben und trägt den Begriff. Unten links steht das Zeichen, unten rechts der Gegenstand. Die beiden aufsteigenden Seiten sind durchgezogene Linien, denn sie stehen für tatsächliche Zusammenhänge: Das Zeichen ruft bei einem Menschen einen Begriff auf, und der Begriff bezieht sich auf einen Gegenstand.

Die Grundlinie zwischen Zeichen und Gegenstand ist gestrichelt. Ogden und Richards beschriften sie in ihrer Darstellung mit „stands for (an imputed relation)", also mit einer Beziehung, die nur unterstellt wird. Wer die Grundlinie durchgezogen zeichnet, hat das Modell missverstanden: Genau diese fehlende Direktverbindung ist der Punkt, den es machen will.

Die drei Ecken im Einzelnen

Das Zeichen

Das Zeichen ist die wahrnehmbare Form: eine Lautfolge beim Sprechen, eine Buchstabenfolge beim Schreiben, eine Geste, ein Piktogramm. Es ist reine Ausdrucksseite. Ein geschriebenes Wort enthält seine Bedeutung nicht, so wie eine Telefonnummer die Person nicht enthält, die man mit ihr erreicht.

Daran hängt eine praktische Konsequenz: Man kann ein Zeichen fehlerfrei aussprechen und trotzdem nichts verstehen. Wer eine fremde Sprache vorliest, produziert korrekte Zeichen ohne die zugehörigen Begriffe.

Der Begriff

Der Begriff ist das Wissen über eine Klasse von Dingen, das mit dem Zeichen verbunden ist. Er ist überindividuell genug, dass Verständigung funktioniert, und individuell genug, dass sie schiefgehen kann.

Hier lohnt eine Unterscheidung, die das Modell selbst nicht sauber trifft. Der Begriff ist nicht dasselbe wie die persönliche Vorstellung. Wer „Hund" hört, sieht vielleicht innerlich einen bestimmten Dackel aus der Kindheit, das ist die Vorstellung. Der Begriff dagegen ist die Menge der Merkmale, die alle Hunde teilen. In der Semantik heißt diese Merkmalsseite Intension, die Menge der Dinge, auf die das Wort zutrifft, heißt Extension.

Der Referent

Der Referent ist das, worauf sich das Zeichen in einer konkreten Äußerung bezieht: ein bestimmter Hund, eine Person, ein Sachverhalt. Welcher Referent gemeint ist, entscheidet erst die Situation. Derselbe Satz „Der Hund muss raus" zeigt in zwei Haushalten auf zwei verschiedene Tiere.

Der Referent kann auch fehlen. „Einhorn", „Gerechtigkeit" und „der gegenwärtige König von Frankreich" haben einen Begriff, aber keinen Gegenstand, den man vorführen könnte. Das Zeichen bleibt trotzdem verständlich, weil Verständlichkeit an der oberen Ecke hängt und nicht an der rechten.

Ein Durchgang durch das Dreieck

Jemand sagt: „Der Hund bellt."

  1. Aufgenommen wird zuerst das Zeichen, die Lautfolge „Hund".
  2. Diese Lautfolge aktiviert einen gelernten Begriff, also das gespeicherte Wissen über Hunde.
  3. Erst mit diesem Wissen und mit der Situation lässt sich bestimmen, welcher Hund gemeint ist.

Der Weg läuft also Zeichen, dann Begriff, dann Gegenstand. Er läuft nie direkt vom Zeichen zum Gegenstand, auch wenn es sich im Alltag so anfühlt. Das Gefühl der Unmittelbarkeit entsteht nur durch Übung: Der Umweg über den Begriff ist so automatisiert, dass man ihn nicht mehr bemerkt.

Warum die Grundlinie gestrichelt bleibt

Es gibt zwei unabhängige Gründe dafür, und sie werden oft vermischt.

Erstens ist die Zuordnung Konvention, nicht Natur. Dasselbe Tier heißt im Deutschen „Hund", im Englischen „dog", im Französischen „chien". Der Gegenstand ist derselbe, die Zeichen sind beliebig verschieden. Wäre die Verbindung natürlich gegeben, müsste sie in allen Sprachen gleich ausfallen. Lautmalerische Wörter scheinen eine Ausnahme zu sein, sind aber der beste Beleg für die Regel: Der Hahn ruft im Deutschen „kikeriki", im Französischen „cocorico", im Englischen „cock-a-doodle-doo". Selbst die Nachahmung wird durch das Lautsystem der jeweiligen Sprache gefiltert.

Zweitens muss es den Gegenstand gar nicht geben. Ein Zeichen funktioniert auch ohne Referenten, siehe „Einhorn". Eine direkte Linie zwischen Zeichen und Gegenstand könnte diesen Fall nicht abbilden, denn sie hätte auf einer Seite nichts, woran sie sich festmachen ließe.

Wer das Modell entwickelt hat

Die bekannte Darstellung stammt von Charles Kay Ogden und Ivor Armstrong Richards. Sie veröffentlichten sie 1923 in „The Meaning of Meaning", einer Untersuchung darüber, wie Sprache das Denken beeinflusst. Die Stoßrichtung des Buchs war kritisch: Ogden und Richards wollten die verbreitete Annahme zerlegen, Wörter trügen ihre Bedeutung in sich und Streit über Wörter sei damit automatisch Streit über Sachen. Das Dreieck ist die grafische Form dieser Kritik.

Die zugrunde liegende Dreiteilung ist erheblich älter. Aristoteles unterscheidet in der Schrift „Peri hermeneias" zwischen den gesprochenen Lauten, den Vorgängen in der Seele und den Dingen, auf die sich diese Vorgänge beziehen. Ogden und Richards haben die Unterscheidung nicht erfunden, sondern zugespitzt und gezeichnet.

Abgrenzung zu Saussure, Peirce und Frege

Das semiotische Dreieck ist nicht das einzige Zeichenmodell, und in Prüfungen wird meist genau nach den Unterschieden gefragt.

ModellZahl der GrößenDer entscheidende Unterschied
Ogden und Richardsdrei: Symbol, Begriff, ReferentDer Gegenstand gehört zum Modell, ist aber nur mittelbar erreichbar.
Ferdinand de Saussurezwei: signifiant und signifiéDer außersprachliche Gegenstand kommt im Modell überhaupt nicht vor.
Charles S. Peircedrei: Zeichenmittel, Objekt, InterpretantDer Interpretant ist selbst wieder ein Zeichen, die Deutung läuft endlos weiter.
Gottlob FregeSinn und Bedeutung„Bedeutung" meint bei Frege den Gegenstand, nicht den Begriff.

Bei Saussure, dessen „Cours de linguistique générale" 1916 posthum erschien, besteht das Zeichen nur aus Lautbild und Vorstellung. Beide sind zwei Seiten derselben Sache, wie Vorder- und Rückseite eines Blattes. Die Welt bleibt draußen. Das ist der Hauptunterschied zum Dreieck, das die Welt als dritte Ecke aufnimmt.

Bei Peirce ist die Deutung nicht abgeschlossen. Der Interpretant ist kein privater Gedanke, sondern ein weiteres Zeichen, das seinerseits gedeutet werden kann. Aus dem Dreieck wird damit eine Kette.

Frege ist die häufigste Fehlerquelle für deutschsprachige Lernende. Sein Aufsatz „Über Sinn und Bedeutung" von 1892 nennt den Gegenstand „Bedeutung" und die Art des Gegebenseins „Sinn". „Morgenstern" und „Abendstern" haben verschiedenen Sinn, aber dieselbe Bedeutung, nämlich die Venus. Wer Freges „Bedeutung" mit der oberen Ecke des Dreiecks gleichsetzt, dreht die Terminologie um.

Was das Modell an Missverständnissen erklärt

Das Dreieck ist nützlich, weil es drei verschiedene Störungen sauber trennt.

Ein Zeichen, mehrere Begriffe. Der Satz „Das Schloss ist alt" ist ohne Kontext nicht auflösbar, weil dieselbe Zeichenform zu zwei Begriffen führt. Erst „Das Schloss auf dem Hügel" oder „Das Schloss an der Haustür" wählt einen aus. Die Störung sitzt zwischen der linken und der oberen Ecke.

Ein Zeichen, gleicher Begriff, verschieden gefüllt. Zwei Personen reden über „Erfolg" und meinen ein hohes Einkommen beziehungsweise persönliche Zufriedenheit. Beide benutzen das Wort korrekt, die Merkmale, die sie hineinlegen, decken sich nur teilweise. Die Störung sitzt in der oberen Ecke selbst und fällt oft erst spät auf, weil das Gespräch flüssig wirkt.

Kein oder ein strittiger Referent. Bei „Freiheit", „Fairness" oder „Nachhaltigkeit" lässt sich kein Gegenstand vorzeigen, an dem man die Verwendung prüfen könnte. Solche Ausdrücke lassen sich lange gemeinsam benutzen, ohne dass die Beteiligten merken, dass sie über Verschiedenes sprechen.

Wofür das Modell in der Praxis benutzt wird

Semantik. Das Dreieck liefert die Begriffe, mit denen sich Mehrdeutigkeit, Bedeutungswandel und der Unterschied zwischen Wortbedeutung und aktuellem Bezug beschreiben lassen.

Kommunikation. Es zeigt, warum eine Nachricht anders ankommt, als sie gemeint war, obwohl die übertragenen Zeichen unverändert angekommen sind. Übertragen wird die linke Ecke, rekonstruiert wird die obere.

Fachsprache und Terminologie. In Medizin, Technik und Recht wird deshalb nicht das Wort definiert, sondern der Begriff, und das Wort anschließend zugeordnet. Normen zur Terminologiearbeit sind nach genau dieser Logik aufgebaut.

Marke und Werbung. Ein Markenname bezeichnet nicht nur ein Produkt, sondern soll einen aufgeladenen Begriff aktivieren, etwa Sicherheit oder Unabhängigkeit. Markenarbeit ist Arbeit an der oberen Ecke.

Grenzen und Kritik

Das Modell ist anschaulich, und es ist genau deshalb angreifbar.

Es legt nahe, Bedeutung sei ein privates Bild im Kopf. Wenn die obere Ecke eine mentale Vorstellung ist, bleibt offen, wie Menschen mit verschiedenen Vorstellungen dasselbe Wort korrekt gebrauchen können. Ludwig Wittgenstein setzt dem in den „Philosophischen Untersuchungen" entgegen, dass sich die Bedeutung eines Wortes für eine große Klasse von Fällen als sein Gebrauch in der Sprache erklären lässt. Bedeutung wäre dann eine öffentliche Praxis und kein innerer Zustand.

Es passt am besten auf Substantive. „Hund", „Apfel", „Schloss" lassen sich problemlos in die drei Ecken sortieren. Bei „obwohl", „vielleicht" oder „und" gibt es weder einen Gegenstand noch eine Vorstellung im üblichen Sinn, obwohl diese Wörter unentbehrlich sind.

Es hört beim Wort auf. Sätze, Sprechakte, Ironie, Anspielung und alles, was aus der Situation kommt, kommen im Modell nicht vor. Wer „Es zieht" sagt, meint häufig „Mach bitte das Fenster zu", und diese Bedeutung liegt in keiner der drei Ecken.

Es ist statisch. Bedeutungen verschieben sich über die Zeit und werden im Gespräch ausgehandelt. Ein Dreieck bildet einen Zustand ab, keine Bewegung.

Das Modell ist damit eine Einstiegsdarstellung mit einer sehr scharfen Pointe, keine vollständige Bedeutungstheorie. Genau als solche wird es in der Lehre auch eingesetzt.

Häufige Fragen zum semiotischen Dreieck

Was besagt das semiotische Dreieck?

Es besagt, dass ein sprachliches Zeichen und der bezeichnete Gegenstand nicht direkt verbunden sind. Die Verbindung entsteht nur über einen Begriff, den die Sprachgemeinschaft dem Zeichen zugeordnet hat.

Welche drei Ecken hat das semiotische Dreieck?

Zeichen, Begriff und Referent. Bei Ogden und Richards heißen sie Symbol, Thought or Reference und Referent.

Warum ist eine Seite des Dreiecks gestrichelt?

Weil die Beziehung zwischen Zeichen und Gegenstand nur unterstellt ist. Sie beruht auf Konvention, und sie kann sogar ganz ins Leere gehen, wenn es den Gegenstand nicht gibt.

Wer hat das semiotische Dreieck erfunden?

Charles Kay Ogden und Ivor Armstrong Richards haben es 1923 in „The Meaning of Meaning" veröffentlicht. Die dahinterstehende Dreiteilung von Laut, Vorstellung und Sache findet sich schon bei Aristoteles.

Was ist der Unterschied zum Zeichenmodell von Saussure?

Saussures Zeichen hat nur zwei Seiten, signifiant und signifié. Der außersprachliche Gegenstand ist kein Teil seines Modells, während das semiotische Dreieck ihn als dritte Ecke aufnimmt.

Kann ein Zeichen ohne Referenten Bedeutung haben?

Ja. „Einhorn" oder „Gerechtigkeit" sind verständlich, obwohl sich kein Gegenstand vorzeigen lässt. Verständlichkeit hängt am Begriff, nicht am Gegenstand.

Ist der Begriff dasselbe wie die Bedeutung?

In der Regel wird die Wortbedeutung mit dem Begriff gleichgesetzt, also mit den Merkmalen, die ein Wort ausdrückt. Davon zu trennen sind die persönliche Vorstellung eines Einzelnen und der Gegenstand, auf den in einer Äußerung gezeigt wird.

Fazit

Das semiotische Dreieck erklärt Bedeutung nicht vollständig, aber es räumt einen hartnäckigen Irrtum aus: dass Wörter ihre Gegenstände enthalten. Zwischen Zeichen und Sache steht immer ein gelernter Begriff, und weil dieser Begriff gelernt und nicht naturgegeben ist, sind Übersetzung möglich, Missverständnisse wahrscheinlich und Definitionen notwendig. Wer die gestrichelte Grundlinie ernst nimmt, hat den Kern des Modells verstanden.