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SEO Tools liefern für dieselbe Website unterschiedliche Zahlen: Woher die Daten kommen und wie Sie sie richtig lesen

Warum SEO Tools für dieselbe Website andere Werte melden, welche Kennzahl gemessen, geschätzt oder herstellereigen ist und wie Sie sie richtig auswerten.

Aufgeklappter Laptop auf dunklem Untergrund, auf dem Bildschirm eine Google-Trefferliste zur Suche „Online Marketing Experte“

Wer im Netz nach einem Begriff wie “seo toold” sucht, sucht eigentlich nach Werkzeugen zur Suchmaschinenoptimierung. Wer dann zwei oder drei verschiedene Anwendungen nebeneinander öffnet und dieselbe Domain abfragt, bekommt fast nie dasselbe Ergebnis. Das eine Tool meldet 12.000 Sichtbarkeitspunkte, das andere 9.400. Ein Werkzeug zeigt durchschnittlich Position 4,2, ein anderes Position 7. Die naheliegende Reaktion auf diese Diskrepanz ist die Frage, welches der Tools recht hat und welches fehlerhaft arbeitet. Diese Frage führt jedoch in die Irre, denn in den allermeisten Fällen hat keines der Werkzeuge unrecht. Die Werte widersprechen sich nicht, weil sie schlicht nicht dieselbe Frage beantworten.

Dieser Text erklärt deshalb nicht, welches Werkzeug besser ist oder welches Sie kaufen sollten. Er beleuchtet vielmehr die Herkunft der Zahlen, die in diesen Anwendungen angezeigt werden. Sie erfahren, welche Kennzahlen tatsächlich gemessen werden, welche auf Schätzungen basieren und welche reine Konstruktionen der Softwarehersteller sind. Daraus leiten wir einen Auswertungs-Workflow ab, dessen Ergebnisse Sie auch in drei Monaten noch zweifelsfrei nachvollziehen können.

Drei Arten von Zahlen, die in SEO Tools nebeneinander stehen

Jede Kennzahl, die Ihnen ein Werkzeug zur Suchmaschinenoptimierung präsentiert, gehört in genau eine von drei Kategorien. Diese Kategorisierung entscheidet darüber, wie belastbar ein Wert ist, was Sie mit ihm anfangen dürfen und wie viel Vertrauen Sie in ihn investieren sollten.

Gemessene Daten

Ein Wert gilt als gemessen, wenn die Stelle, die ihn ausgibt, das Ereignis selbst beobachtet und registriert hat. Die Google Search Console liefert Klicks, Impressionen, Klickraten und die durchschnittliche Position direkt aus Googles eigenen Systemen und ist für verifizierte Properties kostenlos. Google zählt hier seine eigenen Suchergebnisseiten aus. Näher an die Wahrheit über Ihre tatsächliche Sichtbarkeit in der Google-Suche kommt kein Drittanbieter heran. Die Daten stammen aus der Primärquelle.

Auch die Bing Webmaster Tools gehören zwingend in diese Kategorie. Sie stellen eigene Such- und Klickdaten für Bing bereit und sind damit eine von Google völlig unabhängige Messquelle für dieselbe Website. Wenn beide Suchmaschinen in ihren proprietären Webmaster-Tools Daten liefern, die in dieselbe Richtung zeigen, ist das ein deutlich stärkeres und valideres Signal, als wenn zwei Drittanbieter ähnliche Werte ausgeben, die möglicherweise auf denselben ungenauen Erhebungsmethoden basieren.

Gemessen heißt jedoch nicht zwingend vollständig oder ungeschönt. Der Leistungsbericht der Search Console begrenzt den Datenexport pro Abfrage und filtert aus Datenschutzgründen sehr seltene Suchanfragen heraus. Die praktische Folge davon ist: Wenn Sie die einzelnen Zeilen einer Abfrage exportieren und addieren, kommt regelmäßig ein geringerer Wert heraus als die ausgewiesene Gesamtsumme am Anfang des Berichts. Das ist kein Fehler im System und auch kein Tracking-Problem, sondern eine dokumentierte Eigenschaft der Datenquelle. Wer diese Eigenheit nicht kennt, sucht oft wochenlang nach einem Datenleck oder einem technischen Fehler, das es gar nicht gibt.

Geschätzte Daten

Ein Wert ist geschätzt, wenn er aus einem mathematischen Modell stammt und nicht aus der direkten Beobachtung des Nutzerverhaltens auf Ihrer Website. Das durchschnittliche monatliche Suchvolumen für Keywords ist der absolute Klassiker in dieser Kategorie. Der Google Keyword Planner zeigt Konten ohne aktive Kampagnen nur grobe Spannen für das durchschnittliche monatliche Suchvolumen statt exakter Werte. Wer dort eine Spanne von 1.000 bis 10.000 Suchanfragen abliest und diese Zahl anschließend in einer Prognose oder einem Report stur als 10.000 weiterverarbeitet, hat aus einer weiten Spanne eine präzise Behauptung gemacht.

Drittanbieter von SEO-Software liefern an dieser Stelle scheinbar präzisere Werte, etwa exakt 2.400 Suchanfragen statt einer ungenauen Spanne. Diese Präzision ist jedoch reine Darstellungsentscheidung und keineswegs Ausdruck einer höheren Messgenauigkeit. Dahinter stehen komplexe Modelle, die aus Clickstream-Daten von Drittanbietern, den groben Keyword-Planner-Spannen und eigenen historischen Erhebungen hochrechnen. Geschätzte Werte sind für die Priorisierung von Themen hervorragend brauchbar, also für die Frage, ob Thema A ungefähr zehnmal so stark nachgefragt wird wie Thema B. Für harte Zielvorgaben und Reportings, in denen eine Abweichung von 15 Prozent bereits als Erfolg oder Misserfolg gewertet wird, sind sie völlig ungeeignet.

Herstellereigene Kennzahlen

Die dritte Kategorie umfasst Kennzahlen, die es außerhalb des jeweiligen Tools gar nicht gibt. Sichtbarkeitsindizes, Domain-Autoritätswerte und komplexe Content-Scores sind reine Konstruktionen der Softwareanbieter. Anbieter wie Ahrefs, Semrush und Sistrix erheben Rankings und Backlinks mit eigenen Crawlern und festen Keyword-Sets. Ihre Sichtbarkeits- und Domainkennzahlen sind Herstellermetriken und stellen keine Werte von Google dar. Google verwendet diese Werte intern nicht, kennt sie nicht und optimiert seinen Algorithmus nicht gegen sie.

Das macht diese Metriken nicht wertlos, schränkt aber ihren Einsatzbereich drastisch ein. Herstellermetriken sind primär Verlaufsindikatoren innerhalb genau eines Tools. Ein Sichtbarkeitsindex, der über sechs Monate in demselben Werkzeug kontinuierlich steigt, sagt etwas über die positive Entwicklung Ihrer Website aus. Derselbe Wert im direkten Vergleich zum Konkurrenten, gemessen mit einem anderen Tool, sagt hingegen absolut nichts aus. Wechselt der Softwareanbieter sein Keyword-Set, erweitert er seinen Datenbestand oder ändert er seine Gewichtungsfunktion, bricht die Zeitreihe abrupt, ohne dass sich an Ihrer Website technisch oder inhaltlich irgendetwas geändert hätte.

Fünf Gründe, warum zwei Tools auseinanderlaufen

Wenn Sie die Kategorien kennen, stellt sich die Frage, warum es selbst bei scheinbar identischen Metriken zu massiven Abweichungen kommt. Dafür gibt es fünf zentrale Gründe.

Der Messpunkt. Serverseitige Logfiles, ein JavaScript-Tag im Browser des Nutzers und Googles eigene Zählung sitzen an drei völlig verschiedenen Stellen der Informationskette. Werbeblocker, Consent-Banner und automatisierte Bots wirken auf jede dieser Stellen unterschiedlich ein. Ein Server zählt jeden Request, ein JavaScript-Tag zählt nur Nutzer, die das Skript laden, und die Suchmaschine zählt nur Klicks auf ihr eigenes Ergebnis.

Das Zeitfenster. PageSpeed Insights kombiniert Labordaten aus Lighthouse mit Felddaten aus dem Chrome User Experience Report. Die Felddaten beziehen sich auf ein rollierendes 28-Tage-Fenster und spiegeln die reale Erfahrung echter Nutzer wider. Ein Lighthouse-Lauf misst dagegen einen einzigen Seitenaufruf unter strikt simulierten Bedingungen in einer synthetischen Umgebung. Beide Werte stehen oft auf derselben Ergebnisseite und dürfen trotzdem niemals miteinander verrechnet oder direkt verglichen werden. Ein technisches Deployment von gestern kann den Laborwert sofort massiv verbessern und wird im Feldwert erst in Wochen sichtbar, wenn genug echte Nutzerdaten gesammelt wurden.

Die Aggregation. Die durchschnittliche Position in der Search Console ist ein über alle Impressionen gemittelter Wert und kein fester Rang. Ein Rank Tracker eines Drittanbieters misst dagegen an einem definierten Ort, auf einem definierten Gerät, zu einer definierten Uhrzeit. Beide Zahlen heißen zwar “Position”, bedeuten aber methodisch völlig Verschiedenes.

Die Stichprobe. Drittanbieter erheben Rankings und Backlinks mit eigenen Crawlern und begrenzten, festen Keyword-Sets. Ist Ihr spezifischer Nischenbegriff in diesem Set nicht enthalten, existiert Ihr Ranking dafür in diesem Tool schlicht nicht, völlig unabhängig davon, wie gut Sie in der Realität stehen.

Die technische Grenze. Werkzeuge haben Limits, die das Ergebnis maßgeblich formen. Die kostenlose Version des Screaming Frog SEO Spider crawlt beispielsweise maximal 500 URLs pro Website. Ein Audit einer Seite mit 4.000 URLs zeigt in dieser Version also nicht etwa zufällig wenige Fehler, sondern zeigt ausschließlich die Fehler der ersten 500 gefundenen Adressen. Der Rest der Website existiert für diese Analyse nicht.

Welche Frage welche Quelle beantwortet

Um den Überblick zu behalten, müssen Sie die richtige Frage an die richtige Quelle richten.

FrageBelastbare QuelleArt der Zahl
Wie oft wurde meine Seite in der Google-Suche geklickt?Search Consolegemessen
Wie oft in der Bing-Suche?Bing Webmaster Toolsgemessen
Wie erleben echte Nutzer die Ladeleistung?Felddaten aus dem Chrome User Experience Reportgemessen, 28 Tage rollierend
Ist ein technischer Fix wirksam?Lighthouse-Lauf vor und nach dem DeploymentLabor, reproduzierbar
Wie groß ist die Nachfrage nach einem Thema?Keyword Planner, Drittanbietergeschätzt
Wie entwickelt sich meine Sichtbarkeit im Zeitverlauf?Index eines einzelnen Anbietersherstellereigen

Ein Auswertungs-Workflow, den Sie später noch nachvollziehen können

Um aus dieser Datenvielfalt eine verlässliche Basis für Entscheidungen zu machen, benötigen Sie einen festen Workflow, der Fehlinterpretationen von vornherein ausschließt.

Erstens: Definieren Sie pro Frage genau eine führende Quelle. Dies gilt nicht pro Tool, sondern pro Fragestellung. Für Klicks und Impressionen in der Websuche ist es die Search Console. Für das Nutzererlebnis beim Laden sind es die Felddaten. Sobald Sie zwei Quellen für dieselbe Frage zuständig lassen, gewinnt in internen Diskussionen immer die Zahl, die gerade besser aussieht. Das untergräbt die gesamte Datengrundlage.

Zweitens: Notieren Sie zu jeder Kennzahl Herkunft und Zeitfenster. Eine kleine Zeile im Report reicht bereits aus: Quelle, Zeitraum, angewandter Filter, Gerät, Land und Abrufdatum. Ohne diese grundlegenden Angaben ist ein Wert kein belastbares Messergebnis, sondern lediglich eine vage Erinnerung an einen Zustand, der vielleicht einmal bestanden hat.

Drittens: Trennen Sie Zeitreihen strikt nach Quelle. Ein Diagramm, das bis zu einem bestimmten Stichtag Werte aus System A und danach Werte aus System B zeigt, produziert einen künstlichen Sprung in der Kurve, den jemand später unweigerlich als Effekt Ihrer harten Arbeit interpretieren wird. Universal Analytics hat am 1. Juli 2023 die Datenverarbeitung für Standard-Properties eingestellt. Nachfolger ist Google Analytics 4 mit einem völlig neu aufgesetzten, ereignisbasierten Datenmodell. Eine Sitzung in GA4 und eine Sitzung davor in Universal Analytics sind nicht dasselbe Konstrukt. Solche Systembrüche gehören als klar markierte Trennlinie in die Grafik und dürfen nicht wegretuschiert werden.

Viertens: Behandeln Sie Definitionswechsel wie Datenbrüche. Auch innerhalb desselben Systems können sich Definitionen ändern. Interaction to Next Paint hat am 12. März 2024 First Input Delay als Core Web Vital für Interaktivität abgelöst. Wer Werte von vor diesem Datum und danach unkommentiert in eine fortlaufende Spalte schreibt, vergleicht zwei grundlegend verschiedene Messgrößen miteinander. Auch hier hilft nur eine dokumentierte Trennlinie im Reporting.

Fünftens: Entscheiden Sie nur auf gemessenen Werten, priorisieren Sie auf geschätzten. Diese Reihenfolge ist entscheidend für Ihren Erfolg. Schätzungen dürfen bestimmen, woran Sie als Nächstes arbeiten und welches Potenzial ein Thema hat. Ob eine ergriffene Maßnahme dann aber tatsächlich gewirkt hat, entscheiden ausschließlich gemessene Daten aus der Quelle, die Sie im ersten Schritt als führend definiert haben.

Typische Fehlschlüsse im Umgang mit Zahlen

Der häufigste Fehler im Alltag ist die Scheingenauigkeit. Aus einer schwankenden Schätzung von 1.000 bis 10.000 Suchanfragen wird in der Management-Präsentation plötzlich ein präziser, auf die Nachkommastelle berechneter Zielwert.

Der zweitgrößte Fehler ist der unbeabsichtigte Quellenwechsel mitten in einem Vergleich. Das passiert meist dadurch, dass zwei verschiedene Reports dieselben Begriffe für unterschiedliche konzeptionelle Konstrukte verwenden. Der dritte Fehlschluss ist der direkte Vergleich einer Herstellermetrik über die Grenzen verschiedener Tools hinweg. Und der vierte Fehler ist die endlose Fehlersuche an einer Datenlücke, die in Wirklichkeit eine dokumentierte Eigenschaft der Datenquelle ist, wie etwa die erwähnte Differenz zwischen Zeilensumme und Gesamtsumme im Leistungsbericht der Search Console.

Fazit

SEO Tools widersprechen sich nicht, weil eines von ihnen fehlerhaft programmiert wäre oder absichtlich falsche Zahlen liefert. Sie widersprechen sich, weil sie an verschiedenen Punkten der Datenkette, in unterschiedlichen Zeitfenstern und mit voneinander abweichenden Definitionen zählen. Wer jede Kennzahl vor der eigentlichen Auswertung konsequent einer der drei Kategorien zuordnet, also gemessen, geschätzt oder herstellereigen, verliert danach keine Zeit mehr mit der frustrierenden Frage, welches Tool nun recht hat. Er beantwortet stattdessen die einzige Frage, die für die Suchmaschinenoptimierung wirklich zählt: Was hat sich verändert, seit wir an der Website gearbeitet haben, und in welcher exakten Quelle ist diese Veränderung sichtbar geworden?