ONMA Ratgeber

Tools in SEO: Welche Daten hinter den Kennzahlen stecken

Erstanbieter, Drittanbieter oder eigener Crawl: Sie erfahren, welche Quelle hinter Position, Suchvolumen und Ladezeit steckt und warum zwei Tools abweichen.

Smartphone auf dunklem Untergrund, auf dem Display eine Google-Trefferliste zur Suche „Online Marketing Experte“

Wer im Alltag mit tools in seo arbeitet, sieht sich zuerst einer Flut von Zahlen gegenüber: eine Position, ein Suchvolumen, ein Ladezeitwert oder ein Sichtbarkeitsindex. Was bei all diesen Metriken seltener mitgeliefert wird, ist die Antwort auf die eigentlich entscheidende Frage: Woher stammt diese Zahl, und was genau hat das Werkzeug gemessen? Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob eine Kennzahl eine strategische Entscheidung tragen kann oder lediglich ein Bauchgefühl erzeugt. Dieser Beitrag ordnet Werkzeuge deshalb nicht nach Anbietern oder Funktionsumfängen, sondern nach ihrer Datenherkunft und nach dem Arbeitsschritt, den sie bedienen. Es geht um Datenkompetenz statt um Toolauswahl.

Jede Kennzahl hat eine konkrete Herkunft

Für die belastbare Beurteilung eines Messwerts genügt eine grobe Einteilung in verschiedene Herkunftsarten. Wer diese Quellen unterscheidet, fällt nicht mehr auf plausible Zahlen herein, die inhaltlich leer sind.

Erstanbieterdaten stammen direkt von der Suchmaschine und beziehen sich auf die eigene, verifizierte Property. Die Google Search Console ist für verifizierte Property-Inhaber kostenlos und liefert Klicks, Impressionen, Klickraten (CTR) und die durchschnittliche Position aus Googles eigenen Suchergebnissen. Solche Werte sind keine Schätzung oder Modellierung, sondern das Protokoll dessen, was tatsächlich auf den Servern der Suchmaschine passiert ist. Ihre Grenze liegt im Zugriff: Diese Daten existieren ausschließlich für Domains, die man selbst besitzt und verifiziert hat. Für die Konkurrenz liefert diese Quelle keine Werte.

Drittanbieterdaten entstehen, wenn ein Tool-Anbieter selbst misst oder modelliert, weil er keinen Zugriff auf die internen Protokolle der Suchmaschine hat. Positionen werden über eigene, regelmäßige Abfragen der Suchergebnisseiten erhoben. Suchvolumina werden aus Klickströmen, Werbedaten und komplexen Hochrechnungen abgeleitet. Diese Werte sind extrem nützlich, weil sie auch fremde Domains und gesamtmärktliche Trends abdecken. Man muss jedoch immer im Hinterkopf behalten, dass es sich um Rekonstruktionen handelt, nicht um Beobachtungen aus der Quelle selbst.

Eigene Messungen erzeugt man durch eigene Skripte oder Software, etwa mit einem Crawler, der die eigene Website systematisch abläuft und Statuscodes, Title-Tags, Canonicals oder Weiterleitungsketten protokolliert. Hier ist die Datenlage am transparentesten, weil man Zeitpunkt, Crawling-Umfang und Einstellungen exakt kennt. Doch auch hier gibt es harte Grenzen, die man kennen muss. Ein klassisches Beispiel: Die kostenlose Version des Screaming Frog SEO Spider crawlt bis zu 500 URLs pro Durchlauf. Bei einer umfangreichen Website mit 10.000 Seiten beschreibt ein solcher Lauf also nur einen kleinen Ausschnitt, nicht den tatsächlichen Gesamtzustand. Wer diesen Wert als vollständiges Audit weitergibt, interpretiert eine Stichprobe als Wahrheit.

Eine vierte Quelle wird im Alltag oft übersehen: andere Suchmaschinen. Die Bing Webmaster Tools sind kostenlos und liefern Such- und Indexierungsdaten aus Bing, nicht aus Google. Das ist kein Fehler im System und kein Widerspruch, sondern schlicht ein anderer Index mit einer völlig eigenen Crawling- und Rankinglogik. Wer versteht, dass Bing-Daten das Suchverhalten im Microsoft-Ökosystem abbilden, kann sie als wertvolle Ergänzung nutzen, statt sie fälschlicherweise mit Google-Werten abzugleichen.

Drei Arbeitsschritte definieren den Einsatzort

Statt Werkzeuge nach ihrem Funktionsumfang oder Preis zu sortieren, hilft es viel mehr, die Frage zu stellen, welchen Arbeitsschritt sie im SEO-Prozess bedienen. Im Kern lassen sich diese Schritte in drei Phasen unterteilen.

Phase 1: Erheben

Beim Erheben geht es um die reine Bestandsaufnahme. Ein Crawler beantwortet die Frage, welche URLs überhaupt existieren, wie sie intern verlinkt sind und welche technischen Grundzustände sie aufweisen. Nachfragedaten beantworten, wonach Menschen im Netz suchen. Auch hier lohnt der genaue Blick auf die Ausgabe des Werkzeugs. Der Google Keyword Planner gibt Suchvolumina in Bandbreichen aus, sofern kein aktives Ads-Konto mit entsprechenden Ausgaben besteht. Eine Angabe wie “von 100 bis 1.000” ist dabei keine schlechtere oder ungenauere Zahl, sondern eine ehrlichere. Wer diese Bandbreite in einer Tabellenkalkulation als exakten Mittelwert von 550 weiterrechnet, erfindet eine Präzision, die in der Originalquelle nie vorhanden war. Datenkompetenz bedeutet hier, die Begrenzung der Quelle zu respektieren.

Phase 2: Diagnostizieren

Diagnose bedeutet die Untersuchung einer konkreten Seite auf eine konkrete Auffälligkeit, um die Ursache zu finden. Hier zählt nicht die Breite der Daten, sondern die Genauigkeit im Einzelfall. Der klassische Fall ist eine Seite, die zwar gecrawlt, aber nicht in den Suchergebnissen angezeigt wird. Ein häufiger Trugschluss betrifft hier die Datei robots.txt. Ein Eintrag dort verhindert das Crawling einer URL, aber nicht zwingend deren Aufnahme in den Index. Dafür ist zwingend eine noindex-Anweisung nötig. Ein Diagnosewerkzeug, das nur die robots.txt ausliest, kann diesen Fall gar nicht korrekt auflösen. Die fundierte Diagnose braucht die Sicht der Suchmaschine auf die einzelne URL, nicht nur die Sicht eines externen Prüfskripts auf eine Textdatei.

Phase 3: Überwachen

Überwachung ist der Schritt, bei dem Zahlen über die Zeit hinweg verglichen werden, um Trends zu erkennen. Genau hier wirken sich Definitionsunterschiede am stärksten aus, weil sich Fehler nicht als falscher Einzelwert zeigen, sondern als komplett falsche Trendlinie über Monate hinweg. Zudem hat die Überwachung einen harten zeitlichen Horizont. Der Leistungsbericht der Search Console stellt Daten für maximal die letzten 16 Monate bereit. Ältere Zeiträume sind dort nicht mehr abrufbar. Wer Jahresvergleiche über längere Zeiträume erstellen oder saisonale Effekte über mehrere Jahre beobachten möchte, muss die Daten selbst exportieren und in einer eigenen Datenbank archivieren, bevor sie aus dem Bericht der Suchmaschine fallen.

Warum zwei Tools für dieselbe Seite abweichende Zahlen zeigen

Wenn zwei verschiedene Werkzeuge völlig unterschiedliche Zahlen für dieselbe Website melden, ist das der Normalfall, nicht der Fehlerfall. Vier Ursachen erklären fast alle dieser scheinbaren Widersprüche.

Unterschiedliche Stichprobe. Ein Sichtbarkeitsindex ist kein absoluter Messwert der Suchmaschine, sondern eine Kennzahl, die ein Drittanbieter aus einem festen, selbst gewählten Keyword-Set berechnet. Zwei Anbieter mit unterschiedlichen Keyword-Sets messen schlicht unterschiedliche Ausschnitte derselben Realität. Sichtbarkeitsindizes von Drittanbietern sind daher zwischen Anbietern nicht vergleichbar. Wohl aber lässt sich jeder Index für sich im eigenen Zeitverlauf lesen.

Unterschiedliche Definition. Der Begriff “Position” kann die Position der besten Platzierung einer Domain für ein Keyword meinen. Er kann aber auch den Durchschnitt über alle Impressionen, den Wert an einem bestimmten Stichtag oder den Median über einen Zeitraum beschreiben. Vier Definitionen führen zu vier unterschiedlichen Zahlen, ohne dass irgendeine davon falsch ist.

Unterschiedlicher Messzeitpunkt und Messort. Suchergebnisse sind hochgradig personalisiert und unterscheiden sich nach Standort, Endgerät, Sprache und genauer Uhrzeit der Abfrage. Ein isolierter Positionswert ohne diese kontextuellen Angaben ist unvollständig, egal wie exakt er auf dem Bildschirm dargestellt wird.

Unterschiedliche Messmethode. Der deutlichste Fall für methodische Abweichungen betrifft die Messung der Ladezeit, die im nächsten Abschnitt beleuchtet wird.

Labordaten und Felddaten am Beispiel der Geschwindigkeit

PageSpeed Insights kombiniert zwei grundverschiedene Datenarten: Labordaten aus einer simulierten Lighthouse-Messung und Felddaten realer Nutzer aus dem Chrome User Experience Report. Beide beschreiben dieselbe angeforderte Seite und können trotzdem extrem weit auseinanderliegen.

Labordaten entstehen unter kontrollierten Bedingungen: einem definierten Gerät, einer künstlich gedrosselten Verbindung und einem leeren Cache. Sie sind jederzeit reproduzierbar und deshalb hervorragend geeignet, um den Erfolg einer Code-Änderung vorher und nachher zu vergleichen. Sie sagen jedoch absolut nichts darüber, wie schnell die Seite für echte Besucher in der Vergangenheit war.

Felddaten sind das genaue Gegenteil: Sie stammen von realen Aufrufen mit realen Geräten und echten Verbindungen der Nutzer. Dafür sind sie nicht reproduzierbar und nicht immer verfügbar. Der Chrome User Experience Report enthält nur Seiten mit ausreichend Nutzerdaten. Für Seiten mit wenig Traffic werden keine Felddaten ausgewiesen. Eine leere Feldsektion im Bericht bedeutet also nicht “schlecht” und nicht “gut”, sondern schlicht “zu wenig Daten für eine belastbare Aussage”. Diese Unterscheidung sauber zu treffen ist wichtiger als jede Optimierungsmaßnahme, die man aus einem Fehlschluss ableiten würde.

Zudem muss man wissen, dass die gemessenen Größen selbst im Wandel sind. Die Core Web Vitals bestehen aus Largest Contentful Paint, Interaction to Next Paint und Cumulative Layout Shift. Interaction to Next Paint hat im März 2024 die bisherige Metrik First Input Delay als Core-Web-Vitals-Metrik abgelöst. Ein Zeitreihenvergleich, der nahtlos über diesen Wechsel hinweggeht, vergleicht zwei völlig verschiedene Definitionen von Reaktionsfähigkeit miteinander und verliert dadurch seine Aussagekraft.

Vier Prüffragen für jede Kennzahl

Bevor eine Zahl in einen Report, eine Präsentation oder eine strategische Entscheidung wandert, lassen sich vier einfache Fragen stellen. Sie kosten kaum Zeit und verhindern die meisten Fehlinterpretationen im Vorfeld.

  1. Woher stammt der Wert? Handelt es sich um Erstanbieterdaten der Suchmaschine, um die Modellierung eines Drittanbieters oder um eine eigene Messung?
  2. Was genau wurde gezählt? Welche Definition liegt der Metrik zugrunde, welche Einheit wird verwendet und über welchen Aggregationszeitraum wurde der Wert gebildet?
  3. Worüber wurde gemessen? Welche Stichprobe wurde genutzt, welcher Standort, welches Gerät und welcher Ausschnitt der Website wurden berücksichtigt?
  4. Was kann dieser Wert nicht aussagen? Jede Quelle hat eine systematische Grenze. Diese Grenze klar zu benennen, ist ein wesentlicher Teil der Aussage.

Eine Zahl, die all diese Fragen transparent beantwortet, ist belastbar. Eine Kennzahl, die diese Fragen unbeantwortet lässt, ist lediglich ein Indikator, mit dem man weiter suchen, aber nichts endgültig belegen kann.

Fazit

Der wahre Nutzen von tools in seo entsteht nicht durch ihre bloße Auswahl oder Anschaffung, sondern durch das tiefe Verständnis ihrer Datengrundlage. Wer weiß, welcher Wert protokolliert, welcher modelliert und welcher simuliert wurde, kann widersprüchliche Angaben einordnen, statt sich zwischen ihnen entscheiden zu müssen. Abweichungen zwischen zwei Werkzeugen sind dann kein Ärgernis, sondern eine wertvolle Zusatzinformation über zugrunde liegende Stichproben und angewandte Methoden. Die praktische Konsequenz aus dieser Datenkompetenz ist einfach: Trends sollten immer innerhalb einer einzigen Datenquelle verglichen werden, absolute Werte sollten nur mit genauer Angabe ihrer Herkunft weitergegeben werden, und fehlende Daten sollten als fehlende Daten ausgewiesen werden und nicht als Null interpretiert.